Everybody's fucked in his own special way

Donnerstag, 3. April 2014

I felt like a tourist

Besuch aus alten Tagen, D., den ich noch von der Einschreibung an der Uni kenne, also wird die erste Frühlingssonne für eine kleine Stadttour genützt. Mit dem Ausflugsboot über die Spree, von Nikolaiviertel bis Haus der Kulturen der Welt. Mit der U-Bahn dann nach Kreuzberg, die Oranienstraße entlang bis zum Görlitzer Bahnhof. An der U-Bahnstation fragt uns ein Typ, der auf einem Absperrgitter sitzt, ob wir Haschisch kaufen wollen. Wollen wir nicht, D. und ich setzen uns lieber gegenüber vors Café. Kaum sitzen wir dort, hält ein Polizeiauto an der Straße, eine Beamtin, mit ein paar Waffen behängt, und ihr Kollege steigen aus und gehen in Richtung Typ, der das interessiert zur Kenntnis nimmt. Wenn ich es richtig gesehen habe, hatte der sowieso ein paar Kompagnons in der Nähe, die bei Bedarf die Ware vorbeigebracht hätten; ausgeklügelte Logistik. Der Typ muss seine Jacke ausziehen, es kommt noch ein Polizeiauto und noch mehr Beamte. D.  ist ganz beeindruckt: Das alles wegen Haschverkaufs? Da hätte man in Bayern doch andere Vorstellungen von Berliner Polizeitaktik. Ich kann nur mit den Schultern zucken, weil ich keine Ahnung habe, wie die Gepflogenheiten hier sind. Inzwischen kommt ein anderer Typ auf unseren Tisch zu, der nicht verkaufen, sondern kaufen will, und uns deswegen fragt, wie er zum Görlitzer Park kommt. Da ich nach 17 Jahren schon ein bisschen Berlinerisch assimiliert bin, mache ich es, wie es in Berlin erwartet wird: Ich weise einen Weg, obwohl ich keine Ahnung habe, wo dieser Park sein könnte. Der Polizeieinsatz löst sich langsam auf; der Typ bleibt auf dem Absperrgitter sitzen.

Kurze Pause, dann kommen auf einmal mehrere Limousinen laut hupend um die Ecke gefahren, bremsen und stellen sich auf der Straße vor dem Café quer. Es handelt sich offensichtlich um eine türkische Hochzeit, die Braut steigt aus, die ein unglaubliches Tüllkleid anhat, mit dem sie jetzt mehr oder weniger die Straße fegt. 


Es steigen noch mehr Hochzeitsgäste aus, irgendeiner macht die Musik lauter, die Brautjungfern tanzen auf der Straße herum, während der Verkehr auf der Kreuzung zum Erliegen kommt. Die Musik wird vorsichtshalber so laut gedreht, dass man das Hupen gar nicht hört. Die Brautjungfern waren sicher jede mindestens drei Stunden beim Friseur und sind herausgebrezelt, dass das Zusehen eine Freude ist. Frisuren, bei denen Amy Winehouse neidisch geworden wäre. Die Gesellschaft tanzt noch ein bisschen herum, ich unterhalte mich mit D., der schon vor über 20 Jahren meinen griechischen Musikgeschmack ertragen musste, über die gemeinsamen Wurzeln der türkischen und griechischen Folklore. Die Brautjungfern lassen sich von den anderen Gästen fotografieren und stellen die Fotos gleich mit ihren Smartphones auf Facebook ein und schauen sich kichernd die Fotos an. Die Braut gibt das Signal zum Aufbruch; alle steigen ein, die Autos fahren weiter. 

Etwas später brausen verschiedene Transporter der Bereitschaftspolizei mit Blaulicht vorbei und warten dann 100 Meter entfernt am Straßenrand. Noch mehr Drogen? Noch eine Hochzeit? Wir wissen's nicht. 

Das Ganze hat vielleicht eine Dreiviertelstunde gedauert; mir, der ich geruhsamere Pankower Verhältnisse gewohnt bin, verursacht dieser Trubel leichten Schwindel. 

Rätselhafte Stadt. I felt like a gringo tourist. 



Kommentare:

  1. Klingt irgendwie alles ziemlich nach Duisburg :-).

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    1. Dann war ich in Duisburg immer in den falschen Ecken... ;-)

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  2. Der echte Tourist bei diesen Wegrandbetrachtungen hätte den Reisebericht nicht besser verfassen können. Die Ausführungen des A. über Musik habe ich übrigens noch nie ertragen sondern fand sie immer schon sehr unterhaltsam. Interessant fand ich allerdings, dass unsere in den letzten 20 Jahren sicherlich nicht zu verleugnende Konventionalisierung bzw Horizonterweiterung uns neue Themen erschlossen hat. Wer hätte vor 20 Jahren bei der Einschreibung in der Uni gedacht, dass die durch die neue Smartphonetechnologie eröffneten Möglichkeiten einmal ein interessanter Gesprächsstoff werden könnten.

    Viele Grüße aus dem Süden.

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    1. Weiß nicht, ob sich mein Horizont wesentlich erweitert hat in den letzten 20 Jahren.... Aber das nächste Mal schauen wir uns in Augsburg den Steinernen Mo an. Liebe Grüße, Andreas

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  3. Herrlich geschrieben, Herr Ackerbau!

    LG
    Elke

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    1. Vielen Dank! Und schön, dass du die Blogpause beendet hast! Liebe Grüße, Andreas

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