Everybody's fucked in his own special way

Dienstag, 26. Mai 2015

Reichweite, Baby

Die letzten Wochen war ziemlich viel los auf dem Blog, zumindest was den Besuch betrifft; Beiträge wurden sehr zahlreich von anderen Blogs verlinkt und der Kraut- und Rübenreporter-Post schaffte es sogar auf die tägliche Bildblog-Linkliste, was mir wirklich Rekordzugriffe bescherte. Das freut natürlich und ich muss zugeben, dass ich da einen Abend begeistert mit einem Bier in der Hand die Zugriffszahlen angesehen habe. In dieser Bildblog-Liste zu sein, ist schon etwas, was ich ziemlich cool finde, vor allem, weil ich mir die dort verlinkten Dinge normalerweise selbst auch ansehe. Besonders nachhaltig wird der Ansturm nicht bleiben, da der verlinkte Artikel vollkommen untypisch für Ackerbau in Pankow ist: mit konkretem, leicht fassbarem Thema und seit langem auch mal wieder einer, der sich leicht auf eine Meinung reduzieren lässt. Für mich auch ein völliges Rätsel, wie ein Artikel, den zunächst maximal 20 Leute gelesen haben können, beim Bildblog auftauchen kann. Aber man muss ja nicht alles wissen.


Wenn's auch rätselhaft ist, wie der Post dort aufgefallen ist, ist mir doch relativ klar, warum er, nachdem er zur Kenntnis genommen wurde, in die Linkliste aufgenommen wurde: Pampige Kritik an einem Artikel, die zumindest fachlich nicht ganz daneben erscheint, dazu noch mit den Krautreportern ein Ziel gewählt, das bei den typischen Bildblog-Lesern auf Interesse stößt (und das einige schon deswegen nicht mögen, weil sie nicht an dem eingesammelten Geld partizipieren können). Dazu passend eine Überschrift mit rüdem Wortspiel (das für den Artikel wohl etwas zu heavy war) und ein bescheuertes Foto. Das dürfte eine viel versprechende Kombo sein, um bemerkt zu werden. Entstanden ist der Post natürlich nicht aus diesen Erwägungen, sondern weil ich mich geärgert habe und ich diesen romantisierenden, nur schwarz-weiß sehenden Blick auf die Lebensmittelproduktion hasse. Ein bisschen enttäuschte Erwartung ist auch dabei, weil ich mir eigentlich von den Krautreportern schön recherchierte Geschichten erwartet hatte.

Ist das also das Patentrezept für Reichweite und Bloggerglück? Wird's in Zukunft häufiger pointierte Beiträge geben, mit denen auf irgendwas eingeschlagen wird, was viele ohnehin doof finden?

Eher nicht. Zum einen sind die Klickzahlen für mich zwar immer interessant, aber nicht in dem Maße wichtig. Ich verkaufe hier nix. Dinge werden hier immer nur deswegen geschrieben, weil ich sie gerne im Internet lesen will. Den Lesern zuliebe passiert hier nicht allzu viel, höchstens dass verschiedene Dinge nie veröffentlicht werden. Wichtiger als die Zugriffe ist mir, dass die Leser hier aus den richtigen Gründen zugreifen. Wenn ich mir die Kommentare so ansehe, denke ich, dass das funktioniert. In einem amerikanischen Blog habe ich einmal gelesen: Bloggen ist wie ein Kuchen-Ess-Wettbewerb, bei dem der erste Preis noch mehr Kuchen ist. Für alle, denen das zu kryptisch ist: Die Belohnung beim Bloggen ist, dass man seinen Kram ins Internet schreiben kann. Wem das nicht genügt, der sollte sich wahrscheinlich einen anderen Zeitvertreib suchen.

Zum anderen folgt auf viele Zugriffe wegen Verlinkungen immer auch wieder eine Flaute, in der die Besucherzahlen so vor sich hindümpeln. Da müsste man dann schnell wieder irgendetwas Publikumswirksames schreiben und dann gleich wieder und wieder....Außerhalb der Erwerbsarbeit also voll in der kapitalistischen Logik gefangen. Wäre sicher mein Traum, wäre auch ein Riesenansporn, meine Freizeit zu opfern. Nein, hier kommt hin, was ich hier haben will, und dann liest es eben jemand oder auch nicht (ich bin allerdings dankbar, dass ich die ersten Monate beim Bloggen nicht verstanden habe, dass die Zugriffe auf meinen Blog alle nur virtuell von irgendwelchen Bots waren und ich ein paar Monate täglich etwas eingestellt habe, ohne dass es irgendjemand gelesen hätte. Am Anfang hätte mich diese Erkenntnis wahrscheinlich relativ schnell zum Aufgeben gebracht.).


Nachhaltiger sind sicherlich die quasi familiären Verlinkungen anderer Bloggerkollegen und Bloggerfreundinnen wie Christiane, Elke, Frau Meinigkeiten, die Papierfrau, Ruthie, Planet112, Fjonka, Mirjam Frau HafensonneFellmonsterchen, FriederikeOle, Holger...* (unter den Vielen nenne ich hier einmal besonders Frau Tonari, die eine Meisterin darin ist, Verbindungen zu schaffen und von der ich viel über das Bloggen und Benehmen im Netz gelernt habe). Für mich macht das auch den Reiz des Internets aus: Man kann Verbindungen zwischen verschiedenen Inhalten und zwischen Menschen schaffen. Die gegenseitigen Verlinkungen finden dann aber meist in einem abgeschlossenen Bloguniversum statt, von denen es sehr viele im Internet gibt, die nichts voneinander ahnen oder sich bewusst ignorieren. Ein bisschen wie früher bei den Schulhof-Cliquen. Es scheint mir auch so, als würde man inzwischen einen Anspruch darauf haben, nichts mehr zu lesen, was einen irritieren oder ärgern könnte. Halte ich für nicht sonderlich sinnvoll und gerade das Internet gibt einem ja die Möglichkeit, sich über alle möglichen Standpunkte zu informieren. Da ist es natürlich gut, dass es immer wieder auch Seiten gibt, die den Leuten helfen, neue Blogs zu finden, womit wir wieder beim Bildblog wären, der natürlich hier viele Leute hergebracht hat, die sonst nie hingefunden hätten. Für Ackerbau in Pankow war in dieser Hinsicht aber insbesondere der Kiezneurotiker hilfreich, der regelmäßig eine Liste interessanter Artikel veröffentlicht, in denen ich auch immer Neues und Interessantes finde. Eine Erwähnung beim Kiezneurotiker spült einem auch ordentlich Leute auf den Blog, und ein paar kommen dann sogar wieder (der Rest sucht verzweifelt nach linksradikalem Content und überlegt, ob die schwäbisch-
katholische Kleingärtnerattitüde hier vielleicht Satire sein könnte**).

Wenn ich gewußt hätte, dass diese Krautreporter-Stückchen so oft gelesen wird, hätte ich wahrscheinlich eine weniger pampige Überschrift gewählt (ansonsten steht hier aber eigentlich nie eine Zeile, die ich nicht auch mit vollem Namen vertreten könnte; diese Lektion habe ich mit 16 Jahren als Schreiber für Punk-Fanzines gelernt). Was ich aber auf jeden Fall gemacht hätte, ich hätte auf meinem letzten Satz einen Link gesetzt zu dem Rent-a-Rant-Artikel des Kiezneurotikers, auf den ich dort zart anspiele. Die vom Bildblog hergespülten Leser haben nämlich zu einem sehr hohen Maß auch die verschiedenen Links in dem Artikel angeklickt (das ist, zumindest soweit ich das sehen kann, hier sonst nicht so üblich). Dann hätten den Kiezneurotiker-Artikel vielleicht ein paar Leute mehr gelesen, die gemerkt hätten, dass es sich nicht um einen weiteren Ausbruch der Menschenfeindlichkeit handelte, sondern um einen Meta-Rant, der jenseits von den beliebigen Anlässen einen Einblick in die Wut- und Abgrenzungsmechanismen nicht nur des Internets, sondern der heutigen Zeit bietet.  (Die Rezeption des Stammpublikums ist ja eher: "Hatter wieder schlechte Laune, aber geil wie er schimpft.")

Äh, wo waren wir stehen geblieben? Ein Grund, warum es hier selten längere Beiträge gibt, ist ja auch, dass die Posts die Tendenz haben, inhaltlich etwas auszuufern bzw. auszufransen.

Machen wir mal schnell ein Fazit: 

Manchmal lesen hier mehr Leute, manchmal weniger, ich freue mich über die Begleiter, die auch schlechte Fotos und Witze ertragen, und kann versprechen, dass hier immer nur das stehen wird, was mir irgendwie bemerkenswert erscheint. 

So, und jetzt Zähneputzen und ab ins Bett. Ist schon spät.

* Wen habe ich vergessen?
**Ich weiß es und verrate es nicht. 

(Achja, ich habe mal J.J. vom Computer weggescheucht und mal nachgesehen, was eigentlich noch für Fotos auf der Festplatte rumliegen. Nicht wundern.)



Kommentare:

  1. "Die quasi familiären Verlinkungen" was für schöne Worte. Ich bin gerührt.

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    1. (Mit Bedacht gewählte Worte....) Liebe Grüße, Andreas

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  2. Ich freue mich sehr, dass Du es auf eine solche Liste geschafft hast, zumal Du Dich da in prominenter Reihe befindest. Wer wird nicht gerne in einem Atemzug mit der taz genannt? :-) Allerdings muss ich gestehen, dass ich diese Blogleseliste bis zu deiner obigen Verlinkung nicht kannte. Vermutlich haben mich die ersten 4 Buchstaben davon abgehalten ;-)
    Über die freundliche Erwähnung hier freue ich mich natürlich sehr. Ich wusste nicht, dass Du von mir etwas gelernt hast, außer Onigiri essen. :-)

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    1. Ursprünglich hatte ich da auch geschrieben "auch wenn es ihr sicher nicht bewußt ist". Nein, von dir habe ich so einiges gelernt. Aber Onigri wären auch bald wieder fällig, zwei prächtige Tomaten warten auf Abholung. Oder willst du einmal die gefährliche Reise nach Pankow wagen?

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    2. Diese Woche bin ich im Job verplant. Am WE unterwegs.
      Aber kommenden Mittwoch fahre ich mit dem Auto ins Büro und könnte auf ´nen Sprung zwischendurch bei Dir vorbei kommen.
      Pankow klingt verlockend, aber vermutlich würde das erst Mitte Juni was.

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  3. der link auf linksradikalen content gefällt mir besonders (wenn auch wahrscheinlich anders als dir)

    grüße michali

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    1. Die Platte habe ich damals gekauft, du Nuss!

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    2. hast du nicht, definitiv. aber hier gehts auch nicht um besitzverhältnisse sondern inhalte. und bitte keine beleidigungen du pfosten

      viele grüße
      michali

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    3. NICHT IN DIESEM TON, SCHATZI!

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  4. Angst vor dem Fame? Musste nicht. Du bloggst hier nicht-kommerziell, das bedeutet, dsss auch niemand irgendwelche Ansprüche stellen darf und wenn er hundertmal übers Bildblog zu dir kam. Die meisten von denen werden auch wieder gehen, zumindest wenn du nicht dauernd den Content nachlieferst, wegen dem sie gekommen sind. Einige bleiben jedoch und die lesen auch mit, wenn du Baustellen in der Invalidenstraße besprichst. :)

    Wenn du wissen willst, was an Lesern hängenbleibt, empfehle ich dir bei Feedly (im Web, nicht als App) die Zahl deiner Abonnenten zu verfolgen. Das sagt viel über gestiegene dauerhafte Reichweite aus. Alles andere bildet sich zurück mit der Zeit, außer die Spambots, die sind immer da. Ich finde das mit der Reichweite sowieso nur wichtig, wenn man sie auch weitergibt, also sie nutzt, um Leser auf befreundete Blogs und/oder herausragende Texte hinzuweisen. Alles andere ist nur Eitelkeit.

    Zuletzt natürlich Glückwunsch. Das war aber auch wirklich ein teilenswerter Artikel.

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    1. Nö, Angst habe ich nicht, es ist schon so, wie ich geschrieben habe: manchmal lesen hier mehr, manchmal weniger Leute. Das passt schon alles. Und die einzigen Erwartungen, die hier hoffentlich erfüllt werden, sind meine. Wahrscheinlich werde ich aber jetzt öfter mal Posts schreiben, die eine bestimmte Meinung transportieren; das ist für mich allerdings recht anstrengend, weil ich beim Schreiben immer feststelle, dass alles doch viel komplizierter ist, als ich gedacht habe, und trotzdem stelle ich im Nachhinein immer fest, dass ich dann doch die Hälfte übersehen oder nicht richtig durchdacht habe.
      Ich glaube, dass die wenigsten meiner Leser Feedly nützen (zu den Gründen könnte man jetzt auch etwas schreiben). Den Vernetzungsgedanken finde ich auch wichtig, gut wäre es vor allem, wenn man die ganzen einzelnen Szenen etwas durcheinanderschütteln könnte. Aber das ist nicht ganz einfach; ich habe auch den Eindruck, dass die Leserschaft bei vielen Blogs (bei mir sicher auch) meist der gleichen Altersgruppe angehört. Auch schade.
      Ach ja, und Eitelkeit sollte man nicht so gering schätzen. Wer nicht ein bisschen eitel ist, fängt doch erst gar nicht mit Bloggen an...

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    2. Stimmt, ich nutze Bloglovin ;-)

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  5. Aua. Ich bin echt nur ein 0815-Blogger, ich kannte diese Liste (auch nicht oder doch oder auch nicht) nicht wirklich bewusst. So ein Tag mit vielen Besuchern deprimiert mich inzwischen eher, denn ich kann keinen dieser Leute zum Dauerleser machen. Und dann falle ich in eine kurze "hach, die wollen mich alle nicht" Phase und dann in eine "GSD muss ich keinem in den Ar... kriechen" Phase, und schon geht es weiter wie immer. Dumm wäre es, wenn ich mit dieser Einstellung mein Geld mit Bloggen verdienen müsste :)
    Und so komme ich nur äh besonders gerne zu Leuten, die ich mag :)
    Ich stiller Leser ich. Trotzdem herzlichen Glückwunsch, nachträglich :))

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    1. Das verstehe ich alles sehr gut, geht mir ja genauso. Deswegen finde ich diesen Kuchen-Ess-Wettbewerb Vergleich auch so gut (der sollte dir ja erst recht gefallen ;-). Wenn man mit dem Kram Geld verdienen müsste, wäre es nicht mehr Bloggen, sondern Dienstleistung.
      Liebe Grüße, Andreas

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  6. Huch, da habe ich ja mal wieder was verpasst hier bei Dir auf Deinem Blog. Ich musste eine Innerei im Krankenhaus abgeben, und die haben mich nun wieder zugenäht. Und nun habe ich den Tomaten-Post also nachträglich gelesen, und das Saatgutlobbysymbolbild angeschaut, und nun zeigt sich, daß die frischen Nähte in der Bauchdecke doch offenbar schon manches aushalten, ähem. (aua, aua) ;-) In diesem Sinne: herzlich gelacht und herzlichen Glückwunsch!

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    1. So richtig verpassen kann man hier ja nichts, geht ja nichts verloren und ist ja nichts aktuell. Dir gute Besserung! Liebe Grüße, Andreas

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  7. Lieber Andreas, ohne deinen Blog wäre die Bloggerwelt echt langweilig, mach also schön weiter!

    LG
    Elke

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    1. Solange ich mit gutem Zypern-Salz versorgt werde, immer! Liebe Grüße, Andreas

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