Everybody's fucked in his own special way

Samstag, 2. Januar 2016

Gestalten aus einem halben Jahrtausend (1)

Vor 500 Jahren ist Hieronymus Bosch gestorben, ein faszinierender und rätselhafter Maler, der weder in das 15. Jahrhundert noch in das 21. Jahrhundert zu passen scheint. Ich hoffe, dass ich mir dieses Jahr die Jubiliäumsausstellung in 's Hertogenbosch, seiner Heimatstadt, ansehen kann. 

Über die Deutung seiner Gemälde streiten sich die Gelehrten, ich möchte mich in diesem Jahr auf anderem Weg dem Meister nähern. Bosch ist vor allem bekannt für die Vielzahl von bizarren Figuren, die seine Bilder bevölkern, Chimären wie aus Fieberträumen entstiegen. Ein paar von denjenigen, die mich am meisten beeindrucken, möchte ich hier vorstellen. Um die Gestalten in die Neuzeit zu bringen, habe ich mich an Nachbildungen versucht. Ich hoffe, dass das nicht als Sakrileg verstanden wird. 

Ich möchte beginnen mit einer rätselhaften Gestalt aus einem Spätwerk, dessen Zuschreibung allerdings nicht ganz unumstritten ist. "Der heilige Antonius", aus dem Prado in Madrid (zum besseren Verständnis des Folgenden wird empfohlen, sich das Link anzusehen). Der Heilige sitzt meditierend an einem See, im Hintergrund überraschend modern anmutende Architektur. Antonius und sein Schwein sehen sich den Angriffen verschiedener Dämonen ausgesetzt. Die Dämonen sind allerdings eher kleine Gesellen, ähnlich den Mucklas bei Petterson und Findus. Ein Gelehrter ist deswegen etwas enttäuscht vom Meister: "einige kleine unbedeutende Teufelchen, die auf Spielzeuggröße reduziert sind" (Combe). Kein Vergleich zu den höllischen Gestalten, die Grünewald St. Anton auf dem Isenheimer Altar zugemutet hat (und auch nicht zu denjenigen, die Bosch bei früheren Antonius-Altären gemalt hat).

Rechts neben Antonius findet sich allerdings eine Gestalt, die so verwunderlich ist, dass man auch auf anderen Bosch-Gemälden keine Entsprechung findet. Fraenger meint, es sei eine Bastion, ein Turm mit Füßen, ein Vogel und dann eine kopflose Gestalt mit Trichterhut, die einen Hammer schwingt. Mir scheint es sich um eine Gestalt zu handeln, die teils Burg, teils Vogel, teils Affe, teils Mensch ist. Die ganze Gestalt ist pure Aggression, der fauchende Vogelschnabel, der hoch erhobene Hammer. Seltsamerweise erscheinen weder Antonius Schwein, vor dessen Schnauze dieser Spuk geschieht, noch Antonius selbst, sonderlich beeindruckt. Beim Zeichnen fiel mir auch zunächst auf, dass die Fußstellung dieses Monsterchens eher lahm ist; mit dem linken Bein kniet es, die Zehen sind seltsam abgespreizt. Ich habe in der Zeichnung die Beine etwas mehr comicartig gefasst (im Original sieht man ein affenartig glattes Fell) und die Stellung des linken Beins versucht etwas dynamischer zu fassen: aber es funktioniert nicht. Diese Kampfburg ist lahm, da mag der Kranich noch so schreien. Insgesamt ist die Figur eine merkwürdige Mischung aus eigenem Schutz - mit einer Burg und einem Trichterhut (oder vielleicht einem Dach) - und dem Versuch eines Angriffs. Man fragt sich, wie die Arme mit dem Hammer treffen wollen - sehen sie ihr Ziel? Als ich an verschiedenen Bleistiftskizzen rumkritzelte, kam mir der Gedanke, dass diese Mischung aus eigener Absicherung und ineffizienter Aggression ein Wappen für viele Internetkommentatoren sein könnte. Möge man selbst dann so gelassen bleiben wie Antonius Schwein...

Der verehrte Mike Watt hat 2010 eine LP aufgenommen, Hyphenated-Man, auf der er kurze Lieder zu dreißig von Bosch'schen Höllengestalten aufgenommen hat. Ich schätze Mike Watt sehr, die Platte ist allerdings musikalisch nicht unbedingt seine beste. Ein Lied ist auch dem "Hammering-Castle-Bird-Man" gewidmet. Das Lied beschreibt den Angriff der Gestalt und endet mit den Worten: "Du bekommst eine Ahnung: Du hast den Feind getroffen. Und rate mal: Du bist es selbst." 

Kommentare:

  1. Das dicke Fraenger-Buch steht auch bei uns. Ich freue mich schon sehr auf die Ausstellung in s'Hertogenbosch.
    Der Ticketverkauf mit zu wählenden Zeitfenstern begann am 1. Dezember. Ich ahne, man erwartet einen großen Ansturm.
    Wir werden das Himmelfahrtwochenende nutzen, um die Werke bewundern zu können. Jetzt jedoch bewundere ich erst einmal, wie gut du zeichnen kannst.

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    1. Bei diesem Projekt merke ich einen gewissen Zwiespalt zwischen Vorstellung und Umsetzung...
      Fraenger ist immer faszinierende Lektüre. Seine Garten der Lüste-Hypothese ist zwar weitgehend widerlegt, aber man kann einiges über das Sehen von Bildern bei ihm lernen...

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