Everybody's fucked in his own special way

Sonntag, 24. Januar 2016

Gestalten aus einem halben Jahrtausend (2)

Vor 500 Jahren ist Hieronymus Bosch gestorben, ein faszinierender und rätselhafter Maler, der weder in das 15. Jahrhundert noch in das 21. Jahrhundert zu passen scheint.

Über die Deutung seiner Gemälde streiten sich die Gelehrten, ich möchte mich in diesem Jahr auf anderem Weg dem Meister nähern. Bosch ist vor allem bekannt für die Vielzahl von bizarren Figuren, die seine Bilder bevölkern, Chimären wie aus Fieberträumen entstiegen. Ein paar von denjenigen, die mich am meisten beeindrucken, möchte ich hier vorstellen. Um die Gestalten in die Neuzeit zu bringen, habe ich mich an Nachbildungen versucht. Ich hoffe, dass das nicht als Sakrileg verstanden wird.

Das Tryptichon "Das jüngste Gericht" (auch "Weltgericht") zeigt die typische Bosch-Altarbild-Struktur, links das Paradies, in der Mitteltafel die Erde mit dem Jüngsten Gericht, rechts die Hölle. Wenn man genauer hinsieht, werden beim Jüngsten Gericht allerdings nicht allzu viele Menschen gerettet und das Treiben auf der Erde unterscheidet sich nicht allzu sehr vom Höllenspuk. Etwas links der Mitte der Tafel findet sich die Szene, um die es im Folgenden gehen soll (einen Blick auf das Original findet man hier). 

Man sieht ein metallisch glänzendes Gebilde, das einen zunächst an einen Dampfkessel erinnert, bis einem einfällt, dass es so etwas zu Bosch' Zeiten noch gar nicht gab. Tatsächlich ist es wohl so eine Art überlebensgroße Vase, an deren beiden Seiten große Treträder angebracht sind, die miteinander verbunden sind. Die Treträder sind mit käfigartigen Streben verschlossen, die Außen- und Innenflächen sind mit metallenen Dornen übersät. In den Treträdern sind Menschen, man sieht, wie der eine es antreibt, mit Armen und Füßen; vom anderen sieht man nur den Kopf und eine Hand. Die Arbeit scheint keinem Zweck zu dienen, außer die Menschen zu quälen, beide sind an eine Kette gebunden, die ein anderer Mensch von oben hält und wohl daran zieht. Dieser Vorgesetzte wird selbst nur von zwei dämonischen Gestalten im Uniformrock gehalten, er beugt sich weit aus einer Art Korb, der das Oberteil der merkwürdigen Vase darstellt. Man sieht, dass er auch bald fallen gelassen wird, ein Nachfolger klettert schon durch eine gezackte Öffnung nach, angetrieben oder gequält durch einen Affen, der ihm mit einem Stock in den Hintern sticht. Ein weiterer Mensch sieht durch ein vergittertes Fenster des Gefäßes. 

Alptraumartige Arbeitsszenen, zunächst dachte ich, dass damit aber etwas vorweg genommen wurde, was es erst in späteren Jahrhunderten gab. Mir war nur bekannt, dass man im 19. Jahrhundert in England Gefangene in Tretmühlen gesteckt und mit harter Arbeit zermürbt hat. Allerdings habe ich jetzt festgestellt, dass ein Zeitgenosse von Bosch, der Ingenieur Agricola in einem Buch zum Bergbau auch schon Tretmühlen dargestellt hat. Unabhängig von der historischen Verortung ein zutiefst beunruhigendes Bild. 

Das Blatt ist ein Linoldruck, wobei ich inzwischen einigermaßen aus der Übung bin. Beim Bild habe ich etwas geschummelt, da ich das Foto gespiegelt habe; der Originaldruck ist seitenverkehrt.

Kommentare:

  1. ... WAS -> für "Szenarien" !!!

    Höllenqualen sind den Gläubigen vorbehalten.
    (Gabriel Laub)

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    1. Hm. Aber wie mir auch erst bei der Beschäftigung mit dem Bild aufgefallen ist, das was hier dargestellt wird, sind Erdenqualen.

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    2. Der Schmerz in unserm unterentwickelten Dasein auf der Erde
      ist die einzige Grundlage und Bürgschaft für das Glück im ewigen Leben im Himmel.

      Edgar Allan Poe *seufz*

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  2. Ähnlich erschreckende, verstörende Bilder wie am Isenheimer Altar in Colmar. Lag es an der Zeit? War es Vision? Es kann doch nicht nur Folge kirchlicher Lehre sein.
    Gibt es in der Gegenwart ähnlich verstörende,neue Darstellungen? Oder passt in unsere Zeit, dass die Schrecken nicht direkt erkennbar dargestellt werden? Was ist das Medium unserer Gegenwart?
    Sorry, ich habe zuviele Fragen, zu wenig Antworten!

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    1. Ja, Grünewald. In Colmar ist im Herbst eine Ausstellung von Otto Dix, der als einer der morderneren Maler noch ähnliche Gesichte hatte.
      Ich glaube, dass die Funktion der Malerei heute, wo wir alle von realistischen Bildern überschwemmt werden, eine andere sein muss. 1500 haben die Menschen wohl nur in der Kirche Bilder gesehen. Die heutigen Monster und quälenden Gestalten gibt es im Kino.

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