Everybody's fucked in his own special way

Dienstag, 23. August 2016

Sommer mit 15

(Der folgende Post liegt nun schon ein paar Jahre im Entwürfeordner. Da sollte er besser auch bleiben. Aber heute hat Michali Geburtstag, und er war dabei. Der Rest hört jetzt zu lesen auf, denn es wird wohl teilweise etwas ziemlich unappetitlich. Aber wie soll man sonst über Dorfjugend schreiben?)

Die Sommer veränderten sich. Zum einen, weil man nicht mehr mit den Eltern in den Urlaub fuhr, sondern die sich langsam alleine auf den Weg machten, zum andern, weil die früheren Zeitvertreibe auf einmal nicht mehr so interessant waren. Ins Freibad fuhr man zwar noch immer, aber im Wesentlichen nur noch, um mit den richtigen Leuten abzuhängen und nach Mädchen zu schauen. Einer war dabei, F., der zwar fast jeden Tag im Freibad war, aber noch nicht einmal sein Hemd oder seine Schuhe auszog, geschweige denn ins Wasser ging. (Während ich das schreibe, durchzucken mich plötzlich tausend Erinnerungen an Leute und Situationen, mein Gott).

Wir waren meistens mit unserer Band beschäftigt, hatten schon unser erstes Konzert hinter uns gebracht und waren dauernd am Üben. Damit verbrachten wir den Sommer zum großen Teil in stinkigen und verqualmten Übungsräumen. Unser erster Bassist hatte uns inzwischen verlassen (eine Woche vor dem ersten Konzert) und wir hatten schnell Ersatz gefunden. Der Sommer war lang, und zum ersten Mal ließen einen die Eltern für ein paar Tage allein zuhause, die Oma hatte dann ein Auge auf uns. Der neue Bassist brachte eine Freundin aus München mit (keine Provinz-Punkette, wie wir sie sonst kannten). Sie hieß P. und spielte angeblich Schlagzeug bei einer Band, die "Die geilen Nonnen" hieß. Wir waren beeindruckt (hier müsste eigentlich ein Exkurs über Drogen im Allgäu und in München kommen, den lasse ich lieber aus. Ich hab's nie weiter als zum Bier gebracht). Nach dem Üben radelten wir nach Hause und lungerten dann bei einem von uns herum. Diesmal hatte M., dessen Eltern auch unterwegs waren, den Vorschlag gemacht, man könne bei ihm essen. Ein großer Topf mit Nudeln wurde aufgesetzt und der Keller nach Bier und Wein durchsucht. So langsam füllte sich die Küche, irgendeiner machte den Kassettenrekorder an, irgendwie will mir scheinen, dass man Exploited hörte (auweia). Die Besucher wurden leise hereingelassen, M.s Oma, die nebenan wohnte, sollte nichts merken. Als alle dann in der Küche saßen, stieg die Lautstärke aber an, alle tranken und die Teller wurden auf den Tisch gestellt und die Nudeln verteilt. Und dann kam eine Szene, die ich heute noch wie auf Film gebannt vor meinem inneren Auge sehe: 

E., der auch schon etwas zu viel hatte, sprach den denkwürdigen Satz: "Die Kinder wollen Schnaps!", nahm mit elegantem Schwung eine volle Weinflasche, trank einen großen Schluck, um dann - quasi aus der Bewegung heraus - die Flasche wieder abzusetzen und über den Esstisch in großem Schwall zu speien. Die gerade ausgeteilten Nudeln wollte dann auch keiner mehr essen, man wischte schnell auf, aufgrund des höheren Lärmpegels kam dann auch M.s Oma, sicherheitshalber mit einem Besen bewaffnet, und schmiss uns alle raus. Ich fiel beim Rückzug irgendwie noch mit P. in die Hecke, ein Höhepunkt des Sommers für mich.

In dem Trubel wäre beinahe untergegangen, dass E. sich den Mund abwischte, die Flasche Wein mitnahm und sagte: "Jetzt geht's wieder."

Mein Gott. (Und ich mag gar nicht daran denken, was sich über E. 10 Jahre später schreiben ließe, das würde richtig weh tun). 

Unser Verhalten war durchaus verbesserungswürdig, würde ich im Rückblick sagen. Aber vielleicht ist es notwendig, dass man diese Bruchstücke fest hält, um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, wie merkwürdig doch das Leben sein konnte.

Sonntag, 14. August 2016

Under the influence of Andy Bonetti

Dem Kiezschreiber herzlichen Glückwunsch zum runden Geburtstag! Ich nehme an, Schweppenhausen steht heute Kopf!

***
(Vor langer Zeit.)

Mein Nebenmann starrte den Dozenten an. "Was ist denn das hier? Was soll denn das heißen, das Zeichen des Piranha? Wollen Sie mich hier verarschen oder was?" 

Wir alle waren nicht auf das vorbereitet, was dann kam. Der Dozent zog einen Lederhandschuh an und schlug meinem Nebenmann unvermittelt ins Gesicht. Die Nase begann zu bluten, doch es folgte noch ein Schlag. Als der Dozent wieder sprach, war er vollkommen ruhig, was die Sache irgendwie noch unheimlicher machte. Mir fiel auf, dass seine Augen zu flackern schienen, sie hatten eine Farbe, die ich bei einem Menschen noch nie gesehen hatte. "Ihr seid hier hergebracht worden, weil von euch die Zukunft der Menschheit abhängt. Es ist wichtig, dass ihr euch genau merkt, was ich euch sage. Erst in ein paar Jahrzehnten werdet ihr verstehen, um was es hier geht. Irgendwelche Egotrips sind hier vollkommen fehl am Platz." Er machte eine kurze Pause und schlug dann noch einmal zu. "Das Zeichen des Piranha. Ihr werdet es kennen. Und ihr werdet dann genau das machen, genau das, was ihr die letzten Tage erklärt bekommen habt." Er sah uns an. "Findet das hier noch jemand witzig?" Mein Nebenmann war wimmernd zusammengesunken und der Rest schüttelte verängstigt den Kopf. Ich habe danach keinen von den anderen wiedergesehen, aber der Moment hat sich in mein Gehirn eingebrannt. In meinen Träumen habe ich ihn wieder und wieder erlebt. Die Geschichte, die dahinter stand, kam mir aber immer unwirklicher vor. Irgendwann war ich nicht mehr sicher, ob das alles wirklich passiert war.

***

Als ich den Rasen gemäht hatte, sah ich in den Himmel. 

Das Zeichen des Piranha. 

Ich nahm meinen Spaten und den Schlüssel, den ich seit über dreißig Jahren nicht mehr in der Hand gehabt hatte. Als ich ging, sperrte ich die Tür nicht mehr ab; ich würde nicht mehr zurückkehren. Ich wusste, was ich zu tun hatte.