Everybody's fucked in his own special way

Mittwoch, 28. Dezember 2016

Das leere Zimmer


Er trat aus der Kneipe in die kalte Nacht hinaus. Seinen Begleitern hatte er gesagt, er wolle noch mit den Kindern telefonieren, aber in Wirklichkeit hatte er das nicht vor. Er sah sich um, ob irgendwo ein Anzeichen für die unsichtbaren Spinnenfäden gab, deren leichteste Erschütterung demjenigen, der im Zentrum des Netzes saß, Informationen über alle lieferte, die sich ihm entgegenstellen wollten. Er hatte die verschiedenen Lokale, von denen er wusste, dass sein schemenhafter Gegenspieler dort verkehrte, besucht, mit den zitternden Kellnern gesprochen und unglaubliche Geschichten über Berge von Essen und rohe Gewalt gehört. Nein, in Berlin war sein Gegner, dieser Napoleon des Verbrechens nicht mehr, so viel schien klar. Vielleicht konnte er sich hier dann auch wieder sicher fühlen. Er dachte nach. Was hatte ihm gestern der Kellner im Tian Fu noch gesagt, mit blanker Angst in den Augen: "Das leere Zimmer ist nicht leer." Er war sich nicht sicher, ob der alte Asiate überhaupt noch wusste, was er sagte. Auf die Frage, wer der Gegenspieler sei, hatte er seine Hand umklammert und ein paar Mal "Ebi Ling" geflüstert, wie er jetzt wusste, ein kantonesischer Ausdruck für "gerissener Eber". Er verscheuchte diese Gedanken und sah sich noch einmal um. Nein, hier war alles  in Ordnung. Da plötzlich blieb sein Blick an dem erleuchteten Fenster des Hauses gegenüber hängen. "Das leere Zimmer ist nicht leer." 

Er hatte schon häufiger von den todbringenden Fahrrädern des Ebi Ling gehört, jetzt sah er zum ersten Mal selbst eines. Keine Minute zu früh versteckte er sich hinter den Kolonnaden und lief im Schatten zur Zinnowitzer Straße, das Geschrei und die Sirenen, ignorierend. 
"Noch ist es nicht vorbei, Ebi Ling," flüsterte er sich selbst zu.

Kommentare:

  1. Der tägliche (Verkehrs-) Krieg in Berlin:

    Ein kleiner Zwischenfall reicht aus, um aus Radfahrern und Autofahrern die ärgsten Feinde zu machen.
    So uneinig sind sich sonst nur Umweltaktivisten und Castortransporteure.

    Warum eigentlich?

    WAaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa...H

    -> Ebi Ling <- !!!

    *jetztendlichBESCHEIDweiß*

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    1. Auch du hast das Genie des Verbrechens enttarnt... pst...

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  2. Alltag und Grauen sind nur durch eine dünne Wand getrennt, kein Wunder, das Herr Tian Fu unverständliche Warnungen murmelt: wer weiß schon, was in leeren Zimmern passiert, wenn niemand dabei ist? Die Spinnfäden muss man einfach ignorieren.

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    1. Spinnfäden ignorieren ist meine Raumpflege-Philosophie.

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  3. Falls es eine Fortsetzung der Geschichte gibt, wird dich Herr Ebi Ling mal ins Tian Fu einladen - falls du den tausend Teufeln des Feuers gewachsen bist ;o)))

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    1. Hört sich wie ein Deal an... "Die tausend Teufel des Ebi Ling"

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    2. Ich sehe bereits die lodernden Flammen der Hölle, die dem sinistren Doktor Z aus allen Leibesöffnungen schlagen ... - und das schon bei den Vorspeisen.

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