Everybody's fucked in his own special way

Montag, 6. Februar 2017

Kippt das Allgäu?

(Nicht von der Idylle täuschen lassen).


Auch wenn man aus Berlin kommt, erwartet man nicht, dass der Latte Macchiatto mit XTC serviert wird. 


Früher reichte der Kuhstall, inzwischen braucht man wohl das hier:

   
Was für eine Art von Hotel ist das denn eigentlich?

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Ich hatte Gelegenheit, mit verschiedenen früheren Bekannten über Ereignisse der Jugendzeit zu sprechen (angeregt von der Diskussion zu diesem Beitrag). Zumindest kann ich sagen, dass meine Schilderungen nicht übertrieben waren. Ich habe eine gewisse Scheu vor diesen Geschichten, weil sie doch arg danach klingen, eine eher langweilige behütete Jugend mit etwas Gangsterromantik zu versehen und verklären. Die Sache ist aber doch etwas komplizierter: Neben dem mehr oder weniger geordneten Alltag gab es eine parallele Wirklichkeit, in der Gewalt und Kleinkriminalität alltäglich war. Man konnte dem nicht entkommen, weil die Protagonisten teilweise die Nachbarn waren und weil man auch durch die Punkszene immer wieder in Berührung mit merkwürdigen Leuten kam. Die bürgerliche Abgeschottetheit, die ansonsten vorherrscht, funktionierte da halt nicht. Man nahm das Ganze mit einer fast schizophrenen Gelassenheit, es gab eben Regeln, die hier, aber nicht dort galten, und man musste aufpassen bei bestimmten Leuten nichts falsches zu machen. Ab und zu geriet man in unschöne Situationen, aber das nahm man halt irgendwie hin. Im Nachhinein ist die damalige Gelassenheit für mich schwer zu verstehen: da passierten schon einige ungeheuerliche Dinge und einige, mit denen man zu tun hatte, leben schon lang nicht mehr. Einige der Leute, mit denen man früher zu tun hatte, würden heute in der Zeitung wohl als jugendliche Intensivtäter auftauchen. War das bloß bei uns im Kaff so schlimm? Ich habe keine Ahnung. Mit meinen Bekannten teile ich auf jeden Fall eine Erfahrung: Nachdem man weitergezogen war, gab man es auf, über diese Dinge zu sprechen, weil von den neuen Freunden keiner auch nur im entferntesten nachvollziehen konnte, was da alles los war. 



(Dorfszene/Gewerbegebiet 1989: v.l.n.r: Nils, Herr A., Sohn, Mobbl, Michali. Was damals passiert ist, wird muss immer unser Geheimnis bleiben. Echt jetzt.)

***

In der Lokalzeitung lese ich (in den Leserbriefen) die Prophezeiung, dass die Trump-Präsidentschaft und das neue Verkehrskonzept der Heimatstadt in den nächsten vier Jahren für ähnliche Aufregung sorgen werden. Nachvollziehbar. In den Politnachrichten lese ich, dass ein Herr Ö. den Kreisvorsitz der AFD aufgegeben habe. Mit mir war auch ein Ö. in der Klasse, das Bild sieht vage bekannt aus. Sein claim to fame war, dass er während der Schulstunden gerne seine Popel der Größe nach auf der Schulbank sortiert hat. Trotzdem war er (auf seine Art) ein netter Kerl, ich würde ihn ungern in solcher Gesellschaft sehen. Die Recherche in der Abizeitung ergibt: Mein Schulkollege hatte einen anderen Vornamen*, muss also sein großer Bruder gewesen sein. Ich fühle mich erleichtert.


Kommentare:

  1. Diesen Spagat kenne ich. Auch meine Kindheit und Jugend waren sehr behütet. Allerdings mit Blicken über den Zaun. Neulich fragte mich eine alte Freundin, ob ich eigentlich der Meinung sei, dass unsere Jugend eine überdurchschnittlich Wilde war. Sie habe den Eindruck, dem sei so. Daraus ergab sich ein sehr interessantes Gespräch, in dem ebenfalls zur Sprache kam, dass es Menschen gibt, die bestimmte Dinge nicht im Ansatz nachvollziehen können. Das Aufstöbern ehemaliger Weggefährten ist heutzutage ja einfacher denn je. Es endet bei mir aber immer mit der Erkenntnis, dass ich mit den Leuten, die mir wirklich wichtig waren, sowieso in Kontakt geblieben bin. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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    1. In meiner Generation gibt es genügend Leute, die online nicht auffindbar sind....

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  2. "Selmalls" als Tag. Das Wort hab ich schon lang nicht mehr gehört und noch nie gelesen. Im Spessart secht ma "selmols".

    Als Stadtkind mit Hang zur Vereinzelung sind mir Berichte vom Land wie Geschichten aus einer anderen Welt. Bestimmt gab es bei uns auch Intensivtäter, von dem Einen oder Anderen (übrigens immer nur Männer) hörte man später, dass er sich zu Tode gefixt hatte. Aber Teddybären hinrichten, sowas gab es bei uns nicht. Genauso wenig wie gemeinsam in Fässer steigen. Ich dachte immer, sowas würde man nur bei Big Brother machen.

    Die Landschaft - umwerfend schön.

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    1. Ich glaube, eigentlich komme ich aus dem "detmals"-Gebiet, "sellmals" ist eher weiter westlich und nördlich. Aber ich mag das Wort lieber...

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  3. Also wenn das alles rausgekommen wäre, was ich in meiner Jugend verbrochen hab, dann wäre ich wohl mehrfach vorbestraft und mindestens in einem Fall würde ich als "Ex-Knasti" gelten. Aber mir half Zufall und Glück schon ein ganzes Leben lang.. also bis jetzt jedenfalls.

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    1. Den wenigsten ist bewusst, dass fehlende Vorstrafen oft nur mit viel Glück zu tun haben...
      Wenn's dumm kommt, könnte es fast jeden erwischen.

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  4. Foto mit Galgen, und im Absatz drunter wird Trump erwähnt. Sehr schön.
    Meine Jugend war nicht so spannend, hab nur Scheiben beim Fußballspielen kaputtgeschossen und drohte einen kurzen Moment lang, total falsch abzubiegen, aber mein Einzelgängertum bewahrte mich davor.

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    1. Am Galgen hängt aber ein Kuscheltier, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere...

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    2. Damals wusstet Ihr sicher auch noch nicht, dass ein Trump existiert. Heute dagegen...
      Und immer dran denken, mit den Originalen geht es am schönsten. Keine Kuscheltiere an den Galgen, das ist unpuschelig. :-)

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    3. Das ist mir zu militant. Toupet wegnehmen und auslachen reicht auch.

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    4. Auslachen ist das Schlimmste für einen Narzissten. Sollte reichen.

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    5. Das Toupet ist doch noch das Auslachbarste an Trump (und die Gesichtsfarbe). Beim Rest schwanke ich zwischen Mitleid und Angst.

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