Everybody's fucked in his own special way

Montag, 22. Januar 2018

Bedeutende Dienstreisen - Classics

Vor ein paar Tagen war ich mit einem früheren Kollegen Mittagessen. Ich hatte schon vor knapp zehn Jahren den Arbeitgeber gewechselt, als ich merkte, dass ich nicht mehr recht erwünscht war, bei ihm hatte es dann noch bis zum letzten Jahr gedauert. Wir haben viel miteinander gemacht, auch einigermaßen erfolgreich. Der Kollege, den ich hier E. nennen will, ist allerdings auch der einzige Arbeitskollege, nach dem ich harte Gegenstände geworfen habe. Er hatte Glück, dass ihn der Hefter nicht getroffen hat. E.s Spezialität war immer, innerhalb kürzester Zeit eine unglaubliche Menge von wahnsinnigen Ideen und Plänen zu entwickeln. Wenn man rausfinden konnte, welche zwei von den hundert irgendwie Sinn gaben, konnte man schöne Ergebnisse erreichen. 

Beim Essen erinnerte ich mich wieder an eine Dienstreise, die wir mit unserem damaligen gemeinsamen Chef irgendwann 2006 machten. Wir mussten in irgendein schwäbisches Kaff, flogen nach Stuttgart, mieteten einen Wagen, der Chef fuhr, E. saß neben ihm und ich auf der Rückbank. Der Chef, weder für seinen Humor noch für besondere Lockerheit bekannt, wollte mit Navigationsgerät fahren, und bat deswegen E., das Navi anzumachen und unser Ziel einzugeben. E. lehnte das ab, er fände das nicht angemessen bei einer Autobahnfahrt ein Navi zu verwenden. Der Chef forderte ihn noch einmal auf, E. meinte aber, mit Navi sei langweilig, wir würden schon irgendwie unser Ziel finden. Der Chef wandte sich an mich, der fasziniert zuhörte, und meinte, ich solle das Navi bedienen. Ich wies darauf hin, dass das vom Rücksitz aus nicht ginge. Dann begann der Chef während des Fahrens am Navi zu fummeln und versuchte, das Ziel einzugeben. E. sah sich das eine Zeitlang an und machte dann einfach das Navi wieder aus und erklärte, es sei erwachsenen Leuten unwürdig, solche Fahrten mit Navi zu machen. Der Chef schrie jetzt nur noch "Herr E., lassen Sie das, Herr E., das ist nicht lustig!", machte das Navi wieder an, stellte ein, E. schaltete es dann wieder aus. Der Chef wandte sich wieder an mich, ich wies wieder darauf hin, dass ich vom Rücksitz nichts machen könne, außerdem sei er der Vorgesetzte, da müsse er schon selber sehen, wie er zurecht käme. E. hielt derweil die Hand vor's Navi und erklärte, er würde jeden Versuch zur Eingabe sofort unterbinden. Der Chef schimpfte nur noch leise vor sich hin, dass er sich das nicht bieten ließe und E. schon sehen werde. Wir kamen allerdings an und Nachspiel gab es auch keines (richtigen Ärger hatten wir beide auch erst später mit dem nächsten Vorgesetzten). 
 

Zwei Sachen habe ich dabei gelernt: Es gibt Leute, denen zu viel Harmonie zu langweilig ist, und die deswegen einfach sinnlos Ärger anfangen. Und es gibt eine Art von Autorität, die sich nur auf das Formale stützt, die gegen bodenlose Frechheit komplett hilflos ist. Bezeichnend ist auch, dass E. sich an diese Sternstunde der Dienstreisen heute gar nicht mehr erinnert. Er hat zu viele solche Dinger gemacht, als dass er sich noch jedes merken könnte.

Kommentare:

  1. „Überall, wo es einen Mann gibt, der Autorität ausübt, gibt es auch einen, der seiner Autorität widerstrebt.“

    (Oscar Wilde)

    ... Kollege E wähnt in mir, einer gewissen Sympathie (ړײ) *zwinker*

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    1. Wir haben viel gelacht am Freitag beim Essen.

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  2. Ich stell mir die Fahrt gerade vor udn muss laut lachen. Diese wunderbar dreiste Renitenz und diese bodenlose Ohnmacht und Sie hinten im Wagen als Zuschauer und Schulterzucker.

    (Sie warfen harte Gegenstände?)

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    1. Ich habe mit E. die haarsträubendsten Dinge erlebt. Wir waren ein gutes Team. Allerdings kannte er die Bedeutung des Wortes "Nein" nicht. Man musste die Ablehnung non-verbal kommunizieren (z.B. durch Würfe mit Gegenständen).

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    2. Vielleicht kannte er die Bedeutung des Wortes "Nein" nur zu gut und hatte sich Hornhaut dagegen zugelegt.
      Solche Menschen sind manchmal anstrengend aber auf die Ferne oder in der Erinnerung unterhaltsam.

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    3. Sein größter Vorteil ist auch sein größter Nachteil: Er gibt nie auf, egal wie aussichtslos die Sache ist. Man muss ihm dann schon den Stecker ziehen, damit Ruhe ist.

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