Everybody's fucked in his own special way

Freitag, 2. Februar 2018

Bedeutende Dienstreisen (37)

Die erste Flugreise im neuen Jahr. Am Wochenende hatte ich einen komischen Thriller mit Liam Neeson gesehen, bei dem Terroristen ein Loch in ein Flugzeug gesprengt haben, aber es bleibt bei der gewohnten Wurschtigkeit beim Fliegen. Störender als mögliche Unglücksfälle finde ich, dass ich wieder mal vor fünf Uhr aufstehen muss. 

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Schön ist es allerdings, wieder einmal am Sonnenaufgang entlang zu fliegen. Wieder flüssiges Gold am Himmel, die wirklich intensiven Farben eines Sonnenaufgangs über den Wolken lassen sich auf den Fotos ja leider nicht auffangen. Später dann Risse in der Wolkendecke, manchmal wie Seen, die Lichter einzelner Orte glitzern durch die Wolken wie Glut eines fast erloschenen Lagerfeuers. Ich versuche mir vorzustellen, was einer der klassischen Dichter geschrieben hätte, hätte man ihn mal auf so einen Flug ein paar Meilen über der Erde geschickt. Jean Paul hat ja über die Montgolfiere geschrieben (ich finde, was ja schon beachtlich genug ist, im Internet nur seine Bemerkung über die Blindheit: Wie ein Mensch in einer Montgolfiere hoch über den Wolken, höret der einsiedlerische Blinde nur Stimmen herauf, aber die verwirrende, bunte Gegenwart, die niedrigen, die verhaßten und hassenden Gestalten und die voll Narben und Wunden stehen drunter unter seinem dichten Gewölk.), vielleicht stecken in seinem Buch über den Luftschiffer Giannozzo (das ich nicht kenne) Wolkenbeschreibungen einer Zeit, die noch nicht von allem gelangweilt war. Gab es irgendeine künstlerisch befriedigende Würdigung der Flugzeuge (außer dem futuristischen Dreck des ersten Weltkriegs)? Fragen, über Fragen, die ich mir im Flugzeug aber gar nicht stelle, weil ich mit meinem Frühstück beschäftigt bin: Zwei Scheiben Brot mit Käse, Wasser und eine Schokowaffel.

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In Stuttgart werde ich von Sonne begrüßt, wenn auch nur kurz. Auf dem Bahnsteig kommt mir eine junge Frau entgegen, die während sie läuft in einem Buch liest, das "Die Gesetze der Gewinner" heißt. Schon anders als in Berlin. In der S-Bahn stehe ich neben zwei Leuten auf dem Weg zur Arbeit und erfahre erschreckendes über den Sicherheitsbeauftragten des Betriebes für den sie arbeiten. Und, das muss auch einmal gesagt werden, was die mit dem Jungen von Stefan Kipper bei Beiersdorf so machen, das ist aber auch nicht in Ordnung! Voll neuer Erkenntnisse steige ich also am Hauptbahnhof aus. 

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Man kann es sich ja kaum vorstellen, aber verglichen mit einigen Teilen von Stuttgart sieht Berlin ja richtig schnieke aus. 

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Ich warte in einem Büro auf den Abmarsch zur Sitzung, da kommt eine weitere Teilnehmerin dazu, die einen Pappbecher mit Pina Colada trinkt, weil ihr Kaffee in der Früh zu viel sei. Ich denke mal, dass es wohl auch alkoholfreie Pina Colada gibt, traue mich aber nicht zu fragen. Wenn ich noch Hochprozentiges trinken würde, wäre das ja wirklich mal eine Aufgabe für die Berliner S-Bahn oder Straßenbahn: Mit dem Pappbecher-Cocktail zur Arbeit. 

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In der Sitzung wird ein Thema heiß diskutiert. Einer, der nicht teilnehmen kann, hat eine E-Mail zum Verlesen versandt. In der E-Mail finden sich zahlreiche Beschimpfungen, "Betonköpfe" und "Ewiggestrige" sind noch die harmlosesten. Ich finde das wirklich rührend, das ist als hätte man bei einer Sitzung einen Brief von Kapitän Haddock, den man verlesen kann. Eigentlich hätte ich das gerne jedes Mal. Kurz vor Schluss der Diskussion würde ich immer eine ausgedruckte E-Mail herausholen und sagen: "Kapitän Haddock hat noch einige Anmerkungen für Sie, er hat mich gebeten, die E-Mail vollständig und ungekürzt vorzulesen." 

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Beim Mittagessen schimpfen die Anwesenden über Stuttgart 21 und die zusätzlichen Kosten. Mir wird vorgeschlagen, mir doch das teuere Bauloch anzusehen. Ich sage, dass ich für so etwas nicht nach Stuttgart fahren müsste. Man kann sagen, was man will: Manchmal hat man es als Berliner einfach, Leute zum Lachen zu bringen.   

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Beim Flughafen auf dem Weg zum Gate muss ich meine Bordkarte vorlegen, der Angestellte legt sie unter den Scanner. Auf dem Display des Scanners steht "Elles Subbr". Normalerweise sieht man ja dort die Nummer des Tickets oder den Namen des Passagiers und ich sinniere noch kurz, was für ein Name das wohl sein könnte, aus welchem Land wohl der letzte Passagier kam. Da wird mir plötzlich klar, was der Vermerk zu bedeuten hat. 

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Ereignisloser Rückflug, das sind aber die besten. Beim Anflug über Berlin ist es schon dunkel, man sieht schon die Lichter der Stadt. Es gibt nur wenige, tiefe Wolken, was einen merkwürdigen Effekt ergibt: Die großen Straßen sind hell erleuchtet von den Scheinwerfern der Autos, wenn die Wolken über sie hinwegziehen, sieht das so aus, als würde das Licht pulsieren, als sei die Stadt ein merkwürdiges lebendiges Wesen mit leuchtenden Adern. 

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Der TXL-Bus kommt schnell und ist nicht überfüllt. An der Beusselstraße warte ich auf die Ringbahn. Ich sitze auf der Bank und höre Musik, neben mir steht in majestättischer Haltung eine junge Frau mit Koffer. Sie steht nahezu regungslos, den Blick, wie für ein Gemälde posierend, weit in die Ferne gerichtet. Als die S-Bahn kommt ist es nur ein Kurzzug und wir beide müssen eher unmajestätisch rennen, um noch rechtzeitig einzusteigen. 

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Zurück in Pankow.


Kommentare:

  1. Ich schätze, Angelnette ist noch auf der Suche nach einem passenden Zitat. Da bin ich heute mal die Erste... hehe (ohne Zitat aber)... Das "Elles Subbr" ist ja genial. Es gibt nämlich nichts Schlimmeres auf der Welt als Humorlosigkeit, denn das ist die Quelle allen Übels. Ich glaube, da ist sogar Käptn Haddock einer Meinung mit mir.

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    1. Musste ich erst googlen, so früh morgens ... immer ... auf der Leitung steh:

      Wie sagt man am Flughafen Stuttgart dem Passagier, dass beim Boarding alles in Ordnung ist? Elles subbr ... was sonst!

      *LOL*

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    2. Google macht wieder alles kaputt. Ich hatte mich so gefreut, auf eine Frage so zu antworten: "Des hoißt, dass elles subbr isch. Was gibt's denn do id zum verstanda?"

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    3. haha... tatsächlich, das gibt's bei Google und daher hier für alle was zum gucken, weil Herr Ackerbau uns kein Foto dazu geliefert hat: https://www.facebook.com/FlughafenStuttgart/posts/1007123139337953

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  2. Endlich warense mal wieder unterwegs !!!

    @ Küüürsche: Nö, Katzen haben mich nur länger schlafen lassen... am Welttag der Feuchtgebiete (ړײ)

    Nun kommt aber das Zitat...hehe:

    "Haben Sie manchmal Deja-vus?" - "Haben Sie mich das nicht gerade gefragt?"
    (aus "Und täglich grüßt das Murmeltier")

    https://www.youtube.com/watch?v=zWwW-gqr2pA

    *zwinkerndundalsENGELCHENdurchdieWolkenschwebendwinkewunkt*

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    1. Ich war doch erst vor zwei Wochen unterwegs?

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    2. ...als meine unterhaltsame Frühstückslektüre könntest/kannste TÄGLICH unterwegs sein (ړײ) !!!

      *zwinkernd...duckundweg...hehe*

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  3. Franz Kafka: Die Aeroplane von Brescia.

    Heinz Pralinski hat auch mal was zum Thema geschrieben, glaube ich.

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    1. Danke für den Hinweis auf Kafka! Das kenne ich noch nicht, werde ich mir mal besorgen.

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  4. "Elles Subbr"
    :-D
    Humor haben sie wenigstens am Stuttgarter Flughafen! Das kann man nicht abstreiten! "Mir kennet elles außer Hochdeutsch."

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  5. Ich glaube "gewohnte Wurschtigkeit" nehme ich in meinen Wortschatz auf! ... älles subbr ...

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    1. Langfristiges Buchprojekt: Lob der Wurschtigkeit.

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  6. Die Kurpfälzer gehen bei der Übermacht der Schwaben verloren, jetzt schwätze dene ihre PC schon schwäbisch! Baden-Württemberg heißt das Bundesland, wird unter der schwäbischen Übermacht leicht vergessen. Humor haben auch Kurpfälzer, nur mal so gesagt. Die Reise war ja prima, besonders das mit der Mail- typisch schwäbische Sparsamkeit, spart Flugkosten!

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