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Donnerstag, 29. Januar 2015

Autoritäre Erziehung

J.S. handelt gerne. Wenn's ins Bett geht, will er noch einen Zeichentrickfilm sehen. Nur einen. Danach aber noch einen. Und dann noch Vorlesen. Fünf Seiten. Aber dann noch eine Seite. Und die nächste Seite auch noch. Einen Absatz. Dann noch den nächsten Satz. Aber gerade ist's so spannend. Und dann noch einmal Kitzeln. Und so weiter und so fort. Wenn Vater und Sohn in der richtigen Laune sind, kann das abendfüllend und sehr vergnüglich sein. Aber manchmal nervt's.

Letzthin beim Frühstück sehe ich meine Chance, als ich in der Zeitung lese, dass der Innensenator von Berlin, Frank Henkel, das Betteln von Kindern verbieten will. Ich sage J.S., der gerade an einem Muffin mümmelt, dass er jetzt am Abend nicht mehr betteln dürfe, Frank Henkel habe das verboten. J.S. schaut mich mit leichtem Grinsen schräg von unten fragend an, wie er es immer macht, wenn er rausfinden will, ob ich nur wieder Quatsch erzähle. Ich schaue ernst und zeige ihm die Zeitungsüberschrift. Er ist etwas beunruhigt, fängt sich aber und teilt mit, dass ihm Frank Henkel ja wohl nichts zu sagen hätte. Ernst teile ich ihm mit, dass das immerhin der Chef der Berliner Polizei sei. Das beeindruckt wieder. J.S. weicht jetzt allerdings auf einen Nebenschauplatz aus und hinterfragt den Namen kritisch: Warum der Henkel hieße? Ginge das überhaupt? Ich weise ihn darauf hin, dass auch sein Nachname einen Gegenstand bezeichnet. (Kurzes Intermezzo, in dem J.S. die Bedeutung seines Nachnamens erklärt wird). J.S. hat inzwischen wieder seinen jugendlichen Widerspruchsgeist gefunden und für sich entschieden, dass der Innensenator ihm in Bezug auf die Abendvorbereitungen nichts sagen darf, auch wenn J.S. noch sorgenvoll auf die Zeitungsmeldung schielt. 

Versuch der autoritären Erziehung gescheitert, trotzdem bin ich natürlich stolz auf J.S. Widerborstigkeit.

Epilog:

Eine Woche später, ich begleite J.S. zur Schule, fragt er auf einmal unvermittelt: Aber du hast doch keinen Kontakt zu dem? Ich muss erst nachfragen, wen er meint, offenbar beschäftigt ihn Frank Henkel doch noch. Natürlich habe ich keinen Kontakt zu F.H., ich erinnere mich aber daran, dass ich vor drei Jahren mal auf einer Abendveranstaltung mit einigen hundert Gästen war, bei der er auch anwesend war. Ich antworte also: Nein, aber wir waren schon mal zusammen auf einer Feier. J.S. schaut sorgenvoll. Mal sehen, ob man heute abend etwas merkt....

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