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Freitag, 12. Juni 2015

Die Andere Kamera

Ich kenne OLe nicht. Das heißt, wir haben uns nie getroffen und ich weiß nur von einem jahrzehntealtem Bild, wie er aussieht. Und ich weiß, dass wir vor vielen Jahren wohl ganz ähnliche Platten gehört haben.

Ich bin letztes Jahr im Herbst auf seinen Blog gestoßen, ganz zufällig und war sehr angetan. Bilder aus der Stadt, mit kurzen Texten. Der Blog war dann irgendwann wieder verschwunden (jeder, der das macht, weiß, dass man regelmäßig übers Aufhören nachdenkt), tauchte an anderer Stelle als "Die Andere Kamera" wieder auf. Die Andere Kamera besteht fast ausschließlich aus Bildern, zumeist aus der Stadt. Zu sehen sind nie die offenbaren Sehenswürdigkeiten, sondern oft Vergessenes, Verstecktes, Verlorenes oder Weggeworfenes. Daneben werden auch die Chiffren und Zeichen der Großstadt, die Schmierereien, die Street-Art, die Aufkleber dokumentiert. Schließlich finden sich ungewohnte Perspektiven. In einer Serie von Bildern wurden z.B. verschiedene Straßen fotografiert, jeweils aus Bodenperspektive, glänzende Pflastersteine, rauer Asphalt. Zunächst wußte ich damit nicht viel anzufangen, sah dann aber nach und nach die verschiedenen Texturen und Oberflächen. Die Straßen sehen für mich seitdem anders aus. Und wenn man auch den Fotografen nicht sieht, man sieht seine Hündin, Alia, die Königin der Herzen, stolz, stoisch und leicht grau

Man lernt neu sehen. Und das mit einer Flut von Bildern, inzwischen sind es schon über 1500, die auch nachträglich den Aufnahmedaten zugeordnet werden, dokumentierte Momente seit 2000. Das Ganze ist wie ein großes Puzzle der Stadt, wobei der Blog so konzipiert ist, dass die Bilder nicht verschlagwortet sind und wegen der schieren Masse einzeln nicht mehr auffindbar. Ein Berg von Puzzleteilen, in dem man wühlen kann, und bei dem man das entscheidende Stück dann doch nicht wieder findet. Dafür aber dann ein anderes.Und noch eines. Und noch eins. Die einzelnen Bilder mögen zunächst nicht bedeutend erscheinen, manche Bilder werden dann auch nur in der Abfolge klar, in der Wiederholung und Variation. Die Bilder werden nebeneinander gestellt, nicht gewichtet, nicht in ein System gebracht, eine Gleichzeitigkeit von Schönem, Häßlichem, Lustigem und Traurigem, so wie das Leben jeden Tag. Irgendwann, so stelle ich mir vor, sind dann genügend Bilder da, ist das Puzzle dann einmal komplett, aber die einzelnen Stücke können dann höchstens im Kopf miteinander verbunden werden, genauso, wie man auch von der Stadt und vom Leben nie ein zusammenhängendes Bild haben kann.

Die Bilder sind lakonisch betitelt, der Titel fügt meist eine weitere Ebene, manchmal albern, manchmal tiefsinnig hinzu. Manchmal wird auch ein Musikstück verlinkt, dann kann man manche Entdeckung machen.Wenn kommentiert wird, entwickeln die Kommentare gerne ein Eigenleben, in die merkwürdigsten Richtungen. Getragen wird der Blog von einem melancholischem Humor und dem Willen zur Dokumentation eines Autors, der Vieles sieht, was ansonsten nicht gesehen wird oder gesehen werden will. Eines Autors, der unerkannt und oft schweigend hinter seinen Bildern steht. Wie oben schon geschrieben, wird man aus diesen Bildern einmal ein anderes Bild der Stadt erkennen können.  Man gewinnt aber auch ein Bild des Fotografens, auch wenn er selbst nie zu sehen ist.

OLe hat heute Geburtstag, einen schönen runden sogar. Ich wünsche ihm das Allerbeste und habe zur Gratulation ein kleines Blümchen für ihn:


Und ich würde mir wünschen, dass ich noch viele Bilder in der anderen Kamera sehen darf.

5 Kommentare:

  1. Wow, das hast du aber schön formuliert! Das könnte ich nie so genau auf den Punkt bringen, aber genauso sehe ich das auch. Und das ist das Schöne am Bloggen... Man trifft Menschen, die einem sonst im Leben vermutlich nie über den Weg gelaufen wären und es entsteht eine ganz besondere Verbindung... Ich finde es im Kommentarfeld bei Ole auch immer sehr nett mit euch und schicke Ole über den Ackerbauweg nochmal liebe Grüße zum Geburtstag.

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  2. Ach Leute was habt ihr heute mit vor?
    Nachher funktioniert vor lauter Tränen meine Tastatur nicht mehr.
    DANKE

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  3. Gratulation auch von mir zum Geburtstag.
    Was ich dort so mag? Anscheinend banale Bildmotive bekommen durch den Titel scheinbar noch einmal einen anderen Sinn. So guckt der geneigte Besucher gerne noch ein zweites Mal hin und muss lächeln. Klasse das.

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  4. ...gerade gelesen:

    Gute Absicht, schlecht geplant.
    Konsequenzen: ungeahnt!
    Lieber Glückwunsch: viel zu spät!
    Dass das nicht so weitergeht! *❤️HaupsacheRUNDundGESUND*

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