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Donnerstag, 16. November 2017

Im Zug

Ich suche meinen Platz, Großraumwagen, Vierertisch. Mir gegenüber sitzen zwei junge Männer. Auf der anderen Seite des Ganges sitzt ein älteres Ehepaar am Vierertisch an den Fensterplätzen, das Gepäck auf die noch freien Plätze gelegt, damit gar nicht erst jemand auf den Gedanken kommt. 

Die jungen Männer sind wohl Freunde, die gemeinsam einen Ausflug nach Berlin machen. Sie unterhalten sich in normaler Gesprächslautstärke über gemeinsame Bekannte, Kinder, Hochzeiten. Ich klappe meinen Computer auf und bearbeite meine E-Mails. Mein Gegenüber erzählt jetzt etwas von einer Kiefer-OP, ich konzentriere mich auf die Arbeit. Plötzlich kommt die ältere Dame von nebenan und bittet die jungen Männer, leiser zu reden. Das Thema würde sie nicht so interessieren. Ich schaue sie überrascht an, die zwei hatten sich eher leise, in vollkommen normaler Lautstärke unterhalten. Die zwei sagen aber, kein Problem, und führen dann die Unterhaltung fast flüsternd weiter. Ich versuche weiter zu arbeiten und muss mit halbem Ohr einer Unterhaltung zwischen dem Ehepaar über verschiedene zu bezahlenden Rechnungen zuhören. Den jungen Männern wird das Flüstern zu langweilig, der eine holt sein Handy und einen Kopfhörer heraus und hört über Kopfhörer Musik. Zuerst dringt noch viel nach außen, sein Kollege, der mithört, lässt aber leiser stellt. Beide hören dann über Kopfhörer, ab und zu dringt ein leises tz oder brp von der Musik zu mir. Da steht wieder die Dame neben ihnen und sagt, das sei alles störend und sie bitte darum, dass die Musik leiser gestellt wird. Mir wird das jetzt irgendwie zu dämlich und ich sage, dass ich genau gegenüber sitze und nichts außer leichtem Brummen höre, sie dagegen sitze noch ein paar Meter weiter entfernt. Sie sagt, das müsse eben daran liegen, dass ich schlechte Ohren habe, sie höre die Musik und fühle sich gestört. Ich sage ihr, dass ich auch ihre Unterhaltung über die Überweisungen mithören musste, ein Zugabteil sei eben kein Schweigekloster. Sie meint noch, es handele sich aber hier um ein Ruheabteil und geht dann beleidigt wieder. Wir sitzen im Zug in einer Familien- und Handyzone, kaum ein Ruheabteil.

Die jungen Leute hören weiter Musik. Natürlich höre auch ich jetzt manisch in die Stille, ob nicht doch irgendetwas von der Musik zu hören ist, spüre jedem tz und brp nach und kann mich kaum auf die Arbeit konzentrieren. Selten sind mir die Minuten im Zug so lange geworden. Ich setze mir selber Kopfhörer auf und höre das Wohltemperierte Klavier, keine Ahnung, ob das jetzt auch einen der Anwesenden belästigt. Mich spricht zumindest keiner an.

Später steigen noch mehr Leute ein, neben das ältere Ehepaar setzen sich andere Leute, die mit ihnen dröhnende Unterhaltungen führen. Irgendwann geht eine Mutter mit zwei kleinen Kindern durch den Waggon, sie trägt auf dem Rücken ein etwa 1,20m großes rosa Einhorn aus Plüsch. Alle Passagiere an den Vierertischen sehen Mutter und Einhorn nach, in sanftem Neid auf sie vereint. 

5 Kommentare:

  1. Sei immer du selbst.
    Außer du kannst ein Einhorn sein, dann sei ein Einhorn!

    DANKEchööön... (ړײ)
    für die erheiternde FRÜHSTÜCKSlektüre...tz ... brp ... tz ... brp ... schallalala ... ♪ ♫♫ ♪♫ *hehe*

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  2. Das Schönste, was du seit langem geschrieben hast, so eine Morgenpoesie: "spüre jedem tz und brp nach!"

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    1. Offenbar gibt es Poesie, die aus Schlampigkeit und sprachlicher Nachlässigkeit entsteht.

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    2. Das liegt vielleicht daran, weil ich ein Faible für Schlampigkeit und sprachliche Nachlässigkeit habe :-)

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