Everybody's fucked in his own special way

Donnerstag, 15. November 2018

Hin und zurück

Lange nichts mehr über meine Reisen geschrieben, obwohl ich viel unterwegs war im letzten halben Jahr. Wer hier schon ein bisschen länger mitliest, weiss, dass ich die Stadt und die Umgebung wie einen Rorschach-Test ansehe. Was ich beschreibe, hat immer mehr mit mir zu tun, als mit dem, was ich sehe. Jahrelang sah ich merkwürdige und drollige Sachen, einige Monate gar nichts mehr, oder zumindest nichts mehr, was ich sehen wollte. So langsam spricht die Umgebung wieder zu mir, was ich höre, ist aber nicht sonderlich drollig. Aber was soll's, fangen wir mal wieder an.

***

Beruflich muss ich mich immer mehr mit digitalem Kram auseinandersetzen, obwohl ich keine rechte Lust dazu habe. Da ich noch mindestens siebzehn Jahre Geld verdienen muss, kann ich den ganzen Kram aber nicht ignorieren. So habe ich in den letzten Monaten einige Zeit damit verbracht, mit mehr oder weniger guten Häppchen in der Hand irgendwelchen Leuten, die irgendetwas über die digitale Zukunft erzählen, zuzuhören. Bei einem Vortrag einer Vorständin eines großen Unternehmens zur künstlichen Intelligenz (im Allgäu hem mr ÄiEi dazu gseit), hörte ich einen interessanten Satz, bei dem ich zunächst dachte, ich hätte mich verhört, aber mein Nachbar bestätigte dann mein Verständnis. Die Rednerin hatte gesagt: "Über Immortality will ich ja hier gar nicht reden." Immortality. Unsterblichkeit. Das nächste Ding nach der künstlichen Intelligenz. Die Unsterblichkeit gibt es dann aber nur für Leute wie Peter Thiel oder Elon Musk, die sich Blut junger Menschen übertragen lassen oder ihr Gedächtnis auf einen Computer überspielen. Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich eine Zukunft, in der alle Science-Fiction-B-Movies Wirklichkeit werden, noch erleben will. 

***

Bei einer dieser Veranstaltungen sah ich im Publikum eine unscheinbare Frau mit Kurzhaarfrisur, die mir merkwürdig bekannt vorkam. Nach kurzer Überlegung kam ich darauf, dass es sich um Frauke P. handelte. Noch vor einem Jahr war sie quasi ein Pin-Up der Rechtsradikalen, von den Nazis als nächste Kanzlerin gehandelt, inzwischen ist sie praktisch vergessen und freut sich wohl, dass sie noch zu parlamentarischen Frühstücken eingeladen wird, bei denen es nette Häppchen gibt. Ich hatte ja letztes Jahr gedacht, dass es den Rechtsradikalen schaden würde, dass ihre Gallionsfigur abhanden gekommen ist. Aber diese Rechtsradikalenbewegung ist unabhängig von Köpfen, sie braucht keine Anführer. Sie ist nicht wie Hydra, der für jeden abgeschlagenen Kopf ein neuer nachwächst. Sie braucht keinen Kopf. Es ist eine amorphe Masse, die sich aus Wut und Neid speist. Sie braucht keine Vordenker, es genügt, dass irgendjemand den Wut schürt, das sagt, was jeder, der zu dieser Gruppe gehört, sagen könnte, das sagt, was die Wut aufrecht erhält. Zufällig gibt es immer wieder Anführer, Lucke, Bachmann, Petry, Gauland, Weidel, aber letztlich ist es egal. Punkrock hat versucht, die Distanz zwischen Bühne und Publikum aufzuheben, der neue Rechtsradikalismus hat es geschafft: Die, die auf der Bühne stehen, sagen nur, was auch jeder im Publikum sagen könnte. Sie sind beliebig, können abgelöst werden, werden abgelöst, aber es bleibt auch egal, was sie machen, was sie nicht machen: wichtig ist es nur die Wut weiter zu schüren. Man muss sich wohl damit abfinden, dass 15 % der Bevölkerung so funktionieren; wahrscheinlich muss man sich darüber aber keine größeren Sorgen machen, das ist blubbernder Morast, der sich gegenseitig zuruft, was jeder schon vorher weiß, unfähig etwas zum Schlechten oder zum Guten zu ändern. Sorgen machen muss einem, wie ein harter Kern versucht, rechtsradikale und paramilitärische Strukturen zu verfestigen. Und Sorgen muss einem machen, wie diese pulsierende Masse von Wut und Missgunst beginnt, die ganze Gesellschaft zu kontaminieren. Und man muss aufpassen, dass diese Mischung aus Zynismus und Häme nicht einen selbst erreicht. Unabhängig von der politischen Orientierung ist das eine Einstellung, die einen kaputt macht.

Aber wir sind immer noch mehr und wenn wir uns nicht von diesen Menschen herunterziehen lassen, haben die Rechten keine Chance. Es war ein gutes Gefühl, nach der Unteilbar-Demo zu merken, wie die ganzen Rechts-Umstürzler plötzlich in der Defensive waren.

***

Eigentlich möchte man auf Reisen erkennen, wo man ist und wo es hin geht. Aber manchmal bleibt die Aussicht verschwommen.

Dienstag, 1. Mai 2018

Bekanntmachung

Unerwartet und ungeplant kommen wir hier zu einem Ende. Ich fürchte, mit Ackerbau in Pankow wird es erstmal nicht weitergehen. Ich hatte einen Grund, eine Pause zu machen, ich finde gerade keinen Grund weiterzumachen. Was ich schreiben könnte, will ich gerade selbst nicht lesen. Das kann sich ändern, das wird sich ändern, ich weiß nur nicht, wann, wie und wo. 

Ich danke allen Leserinnen, Kommentatorinnen für die gute Zeit hier. Es wird weitergehen, irgendwie, irgendwo, irgendwann. 



(Illustration Grant Snider aus der Geschichte "Escape from the digital world".)

(Kein Grund sich Sorgen zu machen, mir geht es gut, ich habe nur gerade nichts mitzuteilen.)

Samstag, 24. März 2018

Michali

In diesem Blog steht einiges über ihn. Aber noch viel mehr Sätze hier wären ohne ihn nicht geschrieben worden, weil sie eine Anspielung oder einen Scherz enthielten, von denen ich wusste, dass nur er sie versteht. In der Zeit ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht gedacht habe, das muss ich Michali erzählen, das würde ihm auch gefallen, was er wohl dazu meint. Es wird auch in Zukunft kein Tag vergehen, ohne dass ich das denke, aber ich kann ihm nichts mehr erzählen. Sein großes, sanftes Herz hat heute zu schlagen aufgehört. Ich kann es noch nicht begreifen.

Freitag, 2. März 2018

Was bisher geschah (2)

Es ist Sommer. Herr Ackerbau gießt Tomaten und dann Kartoffeln. Zwischendrin beschwert er sich über irgendetwas. Auf der Invalidenstraße liegt Müll herum. Da hat doch jemand etwas Lustiges auf ein Verkehrsschild geklebt? Es ist Herbst. Herr Ackerbau erntet Tomaten und Kartoffeln. Welch Überraschung: die schmecken gut. Die Sonne geht farbig unter. Auf der Wollankstraße liegt Müll. Irgendwelche Kräuter wachsen. Ob das schon die letzte Ernte ist? Schau, da gibt es noch ein paar Paprika.  Der Kompost wird umgestochen, wahrscheinlich machen Spatzen etwas Lustiges oder etwas, was zumindest Herr Ackerbau lustig findet. Es ist Winter. Wahrscheinlich wird es dunkel. Ernten kann man jetzt nichts mehr, es sei denn, es gibt noch Feigen. Am S-Bahnhof Wollankstraße liegt Müll. Und dann auch noch Schienenersatzverkehr, Teufel, Teufel. Aus dem Flugzeugfenster kann man auch unscharfe Fotos machen. Es ist Frühling. Herr Ackerbau sät Tomaten aus und wartet auf die Saatkartoffeln. Auf der Invalidenstraße liegt Müll herum. Vielleicht gibt es auch eine Baustelle. Unkraut wächst, vielleicht auch ein Stechapfel. Dann wird wieder Sommer. 

Zwischendurch fährt man irgendwohin, macht Fotos, die nichts mit dem Ziel zu tun haben, und fährt wieder zurück. 

(Diese Aufzählung ist erschöpfend.)


Sonntag, 14. Januar 2018

Die Schmorgurke. Eine Erledigung.

(Zugleich ein Beitrag zu der "Let's talk about vegs"-Blogaktion. Wer denkt sich denn nur immer diesen Schwachsinn aus?)


Eines der wunderbarsten Gemüse ist die Gurke. Sie hat festes Fleisch, erfrischt im Sommer wie ein Glas kaltes Wasser und hat einen leichten, zarten Eigengeschmack, wie ein Windhauch über einen idyllischen See. Wenn man Glück hat, schmeckt sie leicht süßlich, nur selten ist sie muffig oder bitter. Eine geraspelte Gurke in Joghurt mit etwas Knoblauch - schöner kann es nicht werden. Ein Schälchen Glück muss sich so anfühlen.

Der Biologe sagt, die Gurke sei ein Kürbisgewächs und die Frucht eine Panzerbeere, aber davon muss man sich ja nicht stören lassen. We had enough of experts! Wikipedia meint, es gebe im Wesentlichen zwei Sortengruppen, die Salatgurke und die Einlegegurke. Wäre es doch nur so!

Es gibt noch eine weitere Sorte, die ich auch lange Zeit gar nicht kannte. Die sogenannte Schmorgurke. Allein der Name ist eine Unanständigkeit. Wer Gurken schmort, schlägt auch Kinder. Die EDEKA-Website sagt heimtückisch, es sei eine "erfrischende Frucht" mit einem "intensiveren Geschmack" als Salatgurken. So war ich anfangs auch arglos, dachte nicht weiter über den obszönen Namen nach und aß zum ersten Mal "Schmorgurkenragout" und merkte, was sich hinter dem intensiven Geschmack verbirgt: Was eigentlich klar und frisch schmecken sollte, war auf einmal muffig und von einer Konsistenz einer halbrohen Qualle. Wie als hätte man eine Salatgurke für eine Woche im Garten vergraben und danach mit Gelatine aufgekocht. Zuerst dachte ich, das Essen sei verdorben, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass jemand freiwillig so etwas essen könnte. Ich musste dann aber feststellen, dass das offenbar so schmecken soll. Allerdings wird der widerwärtige Geschmack auch von den Anhängern mit irgendwelchen ebenfalls blasphemischen Würzungen überdeckt. Man muss nur einen Blick auf die sog. Schmorgurken-"Rezepte" werfen, um festzustellen, was für eine Abnormität dieses Gemüse ist. Gemüse für Leute, die Gemüse hassen! Da ist die Rede von Geheimrezepten! Warum, ach warum, sind sie nicht geheim geblieben? 

Ich war den Tränen nahe: Ich hatte das erste, wirklich erste Gemüse gefunden, das mir nicht schmeckt.

(Theoretischer Nachklapp: Angenommen man wäre mit jemandem verheiratet, der Schmorgurken liebt, aber dafür so verehrungswürdiges Gemüse wie z.B. Lauch nicht mag, das muss dann echte Liebe sein, oder?)


 

Samstag, 30. Dezember 2017

Jahresrückblick

Was soll man sagen? Was den Blog betrifft wurde ja schon alles zum Fünfjährigen, zur Blogroll und zum 500.000 sowie im Besinnungsaufsatz Über das Bloggen geschrieben. Das ist mehr als genug Meta-Diskussion für dieses Jahr. 

Die schönste Charakterisierung des Blogs hat mir ohnehin Mirjam per Postkarte geschickt:



Das trifft es wohl und damit kann ich gut leben. 

Global gesehen muss man sagen, dass 2017 immerhin nicht so schlimm war wie man es sich vor einem Jahr noch vorgestellt hat. Bedeutet wahrscheinlich nur, dass die Lunte halt noch ein bisschen länger ist, als ursprünglich gedacht. 

Immerhin habe ich 2017 wieder mit dem Schafkopfspielen angefangen. Und in der Kommentarspalte hier wurden die verwunderlichsten Diskussionen geführt, über Schreibfehler in Tätowierungen, Klaus Lage, Elefantengenitalien, Yeti-Pflege, den Makaken-Zwischenfall des Andy Bonetti und noch viele andere Dinge (das war jetzt eine etwas zufällige Zusammenstellung, hier schlummern viele erstaunliche Dinge).  Und diese Diskussionen haben 2017 sehr zu meiner Belehrung und meinem Amusement beigetragen. 

Allen vielen Dank dafür!