Everybody's fucked in their own special way

Donnerstag, 30. Januar 2020

Dienstag, 28. Januar 2020

Einerseits, andererseits

Als ich heute früh aus dem Haus ging, hörte ich die erste Amsel des Jahres. Auf dem Baum, beim Nachbar, das Lied kannte ich noch nicht; es muss eine neue Amsel sein.

Auf dem weiteren Weg trat ich mit dem linken Schuh in Hundescheiße, ich merkte es aber erst viel später am Schreibtisch.

Eigentlich sage ich immer, der Frühling beginnt, wenn die erste Amsel singt.
Aber heute roch es noch nicht danach..

Montag, 27. Januar 2020

Sonntag

Am Nachmittag wieder in den Park, zu den Nebelkrähen. Ich bin wieder etwas zu spät dran, ab ca. 15 Uhr sitzen die Burschis halt gerne auf den Bäumen und interessieren sich nicht mehr so recht für die Gaben. Ich stelle mich an die Panke, werfe ein paar Erdnüsse, die Krähen sehen mich vom Baum aus an, ich sehe sie an, sie sehen zurück. Das geht eine Zeitlang so, ohne dass große Bewegung entsteht, irgendwann kommen aber die Enten, ein Erpel watschelt sogar zur Erdnuss hin, nimmt sie kurz in den Schnabel und lässt sie wieder fallen, für Enten sind Erdnüsse keine akzeptablen Essensgaben. Eine Mutter mit Kind kommt dazu, die freuen sich an den Enten, die irgendwie gerade agitiert schnatternd in meine Richtung watscheln, die Krähen beobachten das ganze aus den Bäumen, eine enorme Spannung baut sich auf, als ein doofer Hund vorbeirennt und die ganzen armen Enten wieder in die Panke scheucht. Als die Enten weg sind, kommt eine Krähe angesegelt und nimmt sich die Erdnuss, verschwindet dann allerdings schnell wieder. 

Ich gehe zur anderen Wiese, die Krähen haben mich weiter im Blick. Wenn ich eine Erdnuss werfe, kommen einzelen Krähen elegant angesegelt, nehmen sie aber erst mit, wenn ich ihnen den Rücken zudrehe. Kompliziert. Frau Ackerbau und ich trinken dann lieber einen Kaffee. Dort sind gleich Spatzen auf den umliegenden Tischen. Für die schäle ich die Nüsse, sie warten dann auch nicht lange. Jeder Spatz, der Erdnüsse ist, knabbert zumindest bei uns keine Knospen an (absolut gültiger Gedanke, wenn man davon absieht, dass im Moment bei uns ja auch nichts knospt). Schließlich läuft noch eine Maus unter unserem Tisch herum, keine Brandmaus, sondern eine ganz normale. Soll keiner sagen, bei uns wäre nichts los. Ich gehe aber mal davon aus, dass das Mäuschen auch ohne Erdnüsse an dem Café im Bürgerpark genug zu essen findet. 

Am Abend davor hatte ich wieder die Guggenmos'schen Haiku gelesen, eines gefiel mir besonders:

Still stand ich im Wald
war zu Haus, war nur da, ich:
Baum unter Bäumen


Im Park lässt sich das natürlich nicht so gut nachempfinden, weil die Parkbäume doch sehr einzelgängerisch sind. Baum unter Bäumen zu sein, wäre ja aber nicht schlecht, es sei denn, man sieht so aus, wie der Dings auf dem Bild vom gestrigen Post.  


Auf dem Weg nach Hause dann wie immer bei Johannes R. Becher vorbei, der als Statue im Park steht. Mein Verhältnis zu Becher war schon immer sehr ambivalent, weil ich lange Zeit von ihm nur "Auferstanden aus Ruinen" und die "Stalinhymne" kannte; zwei Gedichte, die ich dann doch höchst unterschiedlich einschätze. Im Rahmen meiner Invalidenstraße-Recherchen stieß ich darauf, dass in seinem Tagebuch 1950 eine Information zu dem Rätsel der ULAP-Skelette zu finden sei. Da das online nicht vollständig vorhanden war, habe ich schnellentschlossen mir das Ding antiquarisch bestellt. Lustigerweise bekam ich das Exemplar, das früher einmal in der Bibliothek der Volksbühne war, inklusive alter Einmerkzettel. Die Zettel waren aus Rollenheften geschnitten, einer wohl aus Armin Stolpers "Aufzeichnungen eines Toten" (das habe ich mir aus dem Fragment zurechtgegoogelt), zwei andere ergeben den Satz "Nicht genug, dass Millo tötet: tötend befleckt er ein gelebtes Leben, befleckt ein Grab, befleckt ein Menschengedenken". Dieses Zitat erweist sich als ungooglebar, keine Ahnung, aus welchem Stück das stammt und wer dieser Millo ist. Wenn man die Internetsuche "Millo Theaterstück" probiert, kommt man bei Willy Millowitsch an, der wahrscheinlich weniger an der Volksbühne gegeben wurde. Andererseits finde ich es ja immer nett, wenn es noch Dinge gibt, die man auch mit der Macht des Internetwissens nicht sofort enträtseln kann. Mein ambivalentes Verhältnis zu Becher hat sich noch verstärkt, das Tagebuch 1950 (Auf andere Art so große Hoffnung) umfasst fast 700 Seiten und ist tatsächlich ein Konglomerat unterschiedlichster Dinge. Leider auch wieder Geschichten von Väterchen Stalin, ein Großteil Literateneitelkeit, Alltagsbegebenheiten, manchmal überraschend dumme Beobachtungen, aber auch immer wieder kluge Passagen, die ich höchst interessant finde, so dass ich mir das Ding dann doch nach und nach durchlesen werde. Irgendwie liest es sich wie ein ausführliches Ego-Blog, mit sehr interessanten Reflektionen zum Tagebuchschreiben. 


Becher im Bürgerpark wird eher böse mitgespielt; die Vögel kacken ihm auf den Kopf und die Stadtjugend malt ihm mit Edding einen Penis in den Schritt (nicht ohne daneben noch einen Pfeil anzubringen und "Schwanz" dazuzuschreiben, falls jemand die Schmiererei nicht gleich erkennen sollte).  Die Nachwelt meint es halt nicht mit allen gut, andererseits hat ja Becher auch das Glück, dass man sich allgemein eher an die angenehmeren seiner Werke erinnert und nicht an seine Danksagung an Stalin. 

Ich beschließe, dass es wohl alles in allem besser ist, erst gar kein Denkmal zu bekommen. Insoweit bin ich ja auf gutem Wege. 

Mittwoch, 22. Januar 2020

Entlang der Straße

Die letzten Wochen war ich mit einer fixen Idee beschäftigt, die mich schon Jahre herumtreibt, die aber vor Weihnachten noch einmal relativ akut wurde: Endlich einmal die Würdigung der Invalidenstraße zu schreiben, die ansonsten in den Berliner Reiseführern unterschlagen wird. Da ich (keine Leserin hier wird es wundern) mich aber in allen Details verliere, wurde das dann doch etwas komplizierter umfassender als eigentlich geplant. Aber so ist es nun mal: Wenn mir irgendeine Idee im Kopf herumspukt, hilft nichts anderes, als sie auszuführen, erst dann habe ich wieder Zeit für andere Dinge.

Da der Straßenführer weder vom Inhalt noch vom Umfang in dieses Blog hineinpasst, habe ich den ganzen Kram in ein anderes Blog gepackt, dessen weitere Betreuung sich aber auf Korrekturen und Ergänzungen beschränken wird. Das Blog ist so strukturiert, dass zuerst eine kurze Beschreibung meiner Begegnung mit der Invalidenstraße kommt, dann eine Übersicht über das Terrain, dann schließlich der Spaziergang durch die Straße, in Etappen aufgeteilt. 

Ihr findet das Blog Spaziergang durch die Invalidenstraße hier. Schaut mal rein, vielleicht bekommt Ihr ja auch einmal Lust, auf einen Spaziergang. Der Text dort entspricht etwa einem Monat Blog hier, deswegen gönne ich mir ausnahmsweise ein, zwei Tage Pause. 
 



Im Folgenden noch ein Teil der Einleitung, der drüben rausgeflogen ist, hier aber ganz gut passt:

Wir pflegen unsere Individualität und sind dann überrascht, dass unsere höchst individuellen Vorlieben und eigentümlichen Entscheidungen über unsere ganze Generation geteilt werden. So gibt es halt inzwischen keinen Neuberliner, der keine Kartoffeln anbaut, und wahrscheinlich war ich damals auch nicht der einzige meiner Generation, der in Nena verliebt war. Ganz wie Urban Gardening ist gerade auch die Beschäftigung mit Berliner Geschichte en vogue. Wenn man in die Buchhandlungen geht, findet man inzwischen haufenweise Bücher mit Berliner Geschichte und es gibt sogar Ausgaben von Berliner Stadtplänen durch die Jahrzehnte. Die Stadtpläne sind mir inzwischen sehr willkommen, weil sich mir tatsächlich immer mehr Fragen bei der Erwanderung der Straße ergeben. Offensichtlich ist diese Neugierde nunmehr so verbreitet, dass sich der Verkauf alter Stadtkarten lohnt. Dagegen ist nichts zu sagen; gute Vorlieben und Beschäftigungen werden nicht dadurch schlecht, dass sie von mehreren Leuten geteilt werden. Ein Teil der nunmehr Geschichtsinteressierten gehört aber wohl zu denjenigen, die auch den Wiederaufbau des Stadtschlosses aufregend finden. Wahrscheinlich haben die auch alle literarische Salons, in denen nunmehr noch einmal Fontane zum 200. Geburtstag gelesen wird. Fontane erfreut sich, vermute ich, auch deswegen solcher Beliebtheit, weil er noch den Teil des Preußentums verkörpert, bei dem die meisten mitgehen können. Alles, was die letzten 100 Jahre passiert ist, kann man dabei einmal freundlich ausblenden. Außerdem verkörpert er eine G’scheidhaferl-Kultur, bei der der Hauptstädter dem Umland mal erklärt, was eigentlich so los war; das ist etwas, was natürlich im neuen Berlin gute Resonanz findet. 

Das Interesse an  Berliner Geschichte hat ja auch seinen Grund darin, dass man aus der Vergangenheit eine Deutung der Gegenwart und der Zukunft erlangen will. Wie oben dargestellt, gibt es auch einige Leute, die an das alte Preußentum anknüpfen wollen. Mir ist das alles fremd. Aber auch ich sehe nur das, was ich sehen will und was mir im Rahmen meiner Idee der Berlin sinnvoll erscheint. Jeder hat seine eigene Geschichte zu erzählen. 











Dienstag, 21. Januar 2020

Cocktail-Party!

Heute an der Bushaltestelle sehe ich eine Stiege mit merkwürdigen Objekten, die wie überdimensionierter Rosenkohl aussehen. Bei näherer Betrachtung stelle ich fest, dass es sich um ausgetrocknete und angeschimmelte Limetten handelt, die der Wohltäter hier abgestellt hat.

Ich darf mich ja nicht beklagen, ich schmeiße auch Erdnüsse in die Landschaft. Aber welche Wesen lockt man denn mit vergammelten Limetten an?

Erst schickt mich das Schicksal nach Bergedorf, dann schmeißt es mir Limetten zu: Klarer Hinweis, dass das ein Fall für das Fellmonster ist.

Sonntag, 19. Januar 2020

Musterung

In dem Jahr war schon einiges zu erledigen, die Idee der langfristig aufgebauten Nebelkrähenarmee wird aber noch weiter verfolgt: Ich denke, wir werden die in einigen Jahren dringend brauchen. 

Gemäß einer alten Politikerphrase habe ich mich daran gemacht, die Leute Krähen dort abzuholen, wo sie stehen. Auf meinem Weg zur Arbeit habe ich zwar immer wieder welche getroffen; und aus verschiedenen Gründen bräuchte ich meine treuen Krähen auch eher in der Nähe des Regierungsviertels; im Winter lassen sie sich aber nicht blicken oder zumindest nicht zu den Zeiten, zu denen ich auf der Straße bin. Also, wo stehen die Krähen (bemerkt hier eigentlich jemand den eleganten Binnenreim)? Im Bürgerpark, neben der Panke, wo sie die Enten nerven können. (Hinweis: Ich lehne Entennerven ab und unterstütze das in keiner Weise, aber so sind halt die Krähen und wir müssen mit dem Material arbeiten, das wir haben.)

Die Krähen waren erst einmal abwartend, haben aber das Prinzip der Erdnuss relativ fix verstanden. Es ist schon recht beeindruckend, wenn einem ein Schwarm Krähen folgt, ein paar Kinder, die mir zusahen und mich eindeutig für bescheuert hielten, fragten, ob das meine Haustiere seien. Das Abrichten der Tiere wird noch ein bisschen schwierig, die 15 Jahre, die ich dafür angesetzt habe, sind wahrscheinlich nicht zu pessimistisch gesetzt. Derzeit hauen die Tiere sich noch gegenseitig auf den Kopf, weil jeder eine Nuss haben will. Außerdem ist das Interesse an strategischer und politischer Belehrung bei den gefiederten Freunden schlagartig vorbei, wenn sie feststellen, dass es nichts mehr gibt. Da müssen wir noch dran arbeiten.

Im Bürgerpark sieht man die alten große Bäume, kahl und furchteinflössend. Wie immer zu dieser Jahreszeit beschleicht mich ein banges Gefühl, ob man wirklich sicher sein kann, dass der Frühling kommen wird und mit ihm die Blätter und das Licht. 

Ein paar Meter weiter sehe ich nach Westen, die untergehende Sonne gießt einen Schwall Gold in den Himmel, darüber haben die Wolken Schattierungen von Blau, Rot und Grau, die man sich nicht vorstellen oder nachmalen könnte, selbst wenn man tagelang am Tisch säße. Die Natur verschwendet ihre Schönheit für einen kurzen Moment, als würde sie uns zuzwinkern und auslachen. 





Freitag, 17. Januar 2020

Hin und zurück


Etwas früher aufstehen als sonst, aber noch verträglich. Tee kochen, Katzen füttern, Frühstück richten, dann aber schon gleich aus dem Haus, der Tee ist leider noch zu heiß, um mehr als ein paar kleine Schlucke zu trinken. Durch die Dunkelheit zur S-Bahn, am Hauptbahnhof aussteigen, noch ein paar Minuten rumtrödeln, aber der Zug ist pünktlich. Der Zug fährt nach Hamburg, ich sitze mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und kann deswegen sehen, wie langsam, langsam der Morgen dämmert und die ganzen kahlen Bäume, Strommasten und Windräder sich schwarz von einem immer heller werdenden Himmel abzeichnen. Die Farbschattierungen ändern sich minütlich, ein wirklich schöner Anblick. Um das zu fotografieren, hätte man kurz die Notbremse ziehen und aussteigen müssen. Und selbst dann würde das Foto nur einen schwachen Abglanz des Bildes zeigen.

Meine poetische Stimmung hält an, als wir außerplanmäßig in Schwarzenbek halten. Alter Mann, der ich bin, habe ich eine Verbindung gebucht, bei der ich noch genügend Zeit habe. Es gibt offensichtlich Probleme mit den Oberleitungen im Hamburger Bahnhof. Wir stehen eine halbe Stunde, eine ganze, dann wird uns angeboten, dass wir in einen Regionalexpress nach Hamburg-Bergedorf einsteigen könnten und von da an dann mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Warum nicht? Also in den überfüllten Regionalexpress, die Fahrt dauert aber nur knapp 10 Minuten. Dann Ausstieg in Bergedorf. (Erst später fällt mir ein, dass ich hier eine Weltbeherrscherin besuchen hätte können.)



Das wartende Publikum stellt Platos Höhlenparabel nach.


Nach der S-Bahn-Fahrt stelle ich wieder einmal fest, dass die Berichte von der Schönheit Hamburgs stark übertrieben sind. Sollte das schon aufkeimender Berliner Lokalpatriotismus sein? Bin ich endlich angekommen?


Die Sonne scheint und die milde Luft hat etwas frühlingshaftes. Mich macht diese laue Luft immer froh, so auch heute, auch wenn ich weiß, dass es viel zu früh ist und wahrscheinlich ein Zeichen für das kommende Wetter-und Klimachaos. Ich freue mich trotzdem, aber mit unspezifisch schlechtem Gewissen. 


Ich komme zu spät zur Veranstaltung, da ich zwei Stunden später als erwartet angekommen bin, aber noch rechtzeitig zur Kaffeepause (Vor einem Jahr kam ich erst so spät nach Hamburg, dass ich gleich wieder zurück fahren konnte, vor zwei Jahren war bei der Rückfahrt der Zugverkehr wegen Sturm gesperrt und ich hatte Glück, das letzte Flixbus-Ticket zu kriegen, insoweit war das eigentlich dieses Jahr relativ erfolgreich). Ich stopfe mir irgendwelche süßen Teilchen rein und rede mit den zwei Leuten, mit denen ich heute reden wollte. Die weiteren Vorträge sind überraschend interessant, in der Mittagspause treffe ich einen früheren Kollegen, mit dem ich vor 15 Jahren mal viel gearbeitet habe. Wir gehen die Liste der anderen früheren Kollegen durch, wenigstens ist da noch keiner gestorben. Er sagt mir, was er schon seit 15 Jahren sagt, dass er mir mal meine Sachen zurückgeben müsste. Jo. 


Sonst passiert nicht viel, zurück zum Bahnhof, die Luft ist extrem klar und der Himmel blau. Nachdem ich am Nachmittag überprüft hatte, ob es Probleme mit der Rückfahrt gegen könnte, blieb ich bei dem Zug, für den ich eine Reservierung hatte. Tja. Zug fällt aus, Ersatzzug wird gestellt, der leider kürzer ist als der geplante ICE. Ich kriege allerdings noch einen Sitzplatz und tippe dies, während wir durch die schwarze Nacht nach Berlin fahren.