Everybody's fucked in their own special way

Dienstag, 30. April 2019

Lose Enden

Wieder mal auf Korfu. Das erste Mal war vor drei Jahrzehnten, das erste Mal Fremde nach Sommern im Bayrischen Wald. Das erste Mal alleine unterwegs, geleitet von romantischen Griechenlandvorstellungen, zusammen geklaubt aus Erzählungen und Büchern. Hellas als Möglichkeit der Flucht aus der Allgäuer Enge. Jeder neue Besuch wie eine Überarbeitung eines unfertigen Bildes, die Gewissheiten des letzten Males ersetzt durch neue Rätsel, die halb verstandenen Geschichten ersetzt durch neue verschwommene Erzählungen. Vieles nicht verstanden, weil ich gar nicht verstehen wollte, erst nach und nach ein realistischer Blick auf alles.

Das erste Jahrzehnt nur zu Fuß unterwegs, mit eingeschränktem Wirkungskreis; danach mit dem Auto die Erkenntnis, wohin Straßen führten, von denen man nur den Anfang kannte. Kurz nach dem Punkt, an dem man vorher umgedreht war, kam der Strand, die Taverna und man hatte es nie gewusst.

Auf den Reisen, den immer gleichen Wegen, hatten einen verschiedene Menschen begleitet, manche lebten nicht mehr, von manchen wusste man kaum noch den Namen. Jede Ecke, jeder Baum, jede Straße besetzt mit Erinnerungen. Jede Erinnerung eine Spiegelung eines selbst, über die Jahre die Insel manchmal nur die Kulisse zu innerem Erleben, projeziert in eine Landschaft.

Erinnerungen, über die Jahre ergänzt und überschrieben, Palimpsest des Entrinnens der Provinz.

Wir sind durch Karousades gefahren, in der Taverna lag jemand und schlief. War es Elyseos? Er hatte keinen Bart, es war nicht zu sehen. Wir haben ihn nicht geweckt.

Montag, 29. April 2019

Alles muss raus!

Hier muss dringend umgetopft werden. Die Tomaten müssen jetzt dann auch raus, aber leider komme ich erst am nächsten Wochenende dazu.

Ich hoffe mal, dass das dieses Jahr alles besser klappt.

Sonntag, 28. April 2019

Escort service


Schloss sich uns unvermittelt an, begleitete uns brav auf unserem Weg ins nächste Dorf. Nachdem sie uns wieder sicher zurück geleitet hatte, ging sie mit den nächsten Passanten mit. Wenn sie sich nicht vor jedem Auto, das kam, mitten auf die Straße gestellt hätte, wäre der Begleitservice sogar noch erholsamer gewesen.

Montag, 22. April 2019

Aus meinem Postsack

"Lieber Herr Ackerbau,

wollen Sie nicht mal wieder ein Foto posten, bei dem man beim besten Willen nicht erkennen kann, was es darstellen soll? Wenn ich mir noch etwas wünschen darf: Eines, das nicht verwackelt oder zu Tode bearbeitet ist?

In der Hoffnung, keine Fehlbitte getan zu haben, 

Ein anonymer imaginärer Blogfan"


Lieber anonymer imaginärer Blogfan,

das trifft sich gut! Das ist gerade so, als hätte ich mir diese Zuschrift gerade ausgedacht. Zufällig habe ich genau das Richtige für Sie!

Immer der Ihre

Herr Ackerbau




Samstag, 20. April 2019

Besuch im Nebenzimmer (29)

Was war dieses Jahr denn bislang so im Zweitblog los? Die letzte Übersicht ist auch schon über ein Vierteljahr her, einiges hat sich angesammelt.


Es beginnt mit der Songwriterin Buffy Sainte-Marie und Cod'ine, einem schönen sechziger Jahre Folklied mit düsterem Text. Danach der Verweis auf einen längeren Text, der die Suche nach zwei der rätselhaftesten Bluesinterpretinnen der dreißiger Jahre, Geeshie und Elvie, beschreibt. Für jeden empfohlen, der Interesse an rauschenden Platten hat. Ein Sprung um fünfzig Jahre nach vorn, zur Second Wave des Britischen Punks, die inzwischen weitgehend zu recht vergessen ist. Action Pact habe ich aber damals gerne gehört und finde ich auch jetzt noch gar nicht schlecht. Der große Vorteil ist jetzt, dass ich zumindest die Texte verstehe, weil ich mir nicht mehr alles mit dem Langenscheidt-Wörterbuch zusammen reimen muss. Im Anschluss wird es kontemporär, Amber Arcade mit ihrem Lied Goodbye Europe. Schönes Lied, traurige Geschichte. Danach die Wiederbelebung der Rubrik "Verbrechen auf Schallplatte" mit dem merkwürdigen Schlager Molotow-Party. Es hinerlässt einen etwas ratlos. Gar nicht ratlos hinterlässt einen dann die Berlinerin Lisa Bassenge mit Lass die Schweinehunde heulen

Ein kurzer Post zum fünften Bloggeburtstag, gefolgt von einer ausführlichen Besprechung des Bob Mould-Konzerts in Berlin. Dort konnte ich auch zum ersten Mal live das Lied hören, das dem Zweitblog den Namen gegeben hat. Gleich danach eine Besprechung von Skinny Lister und Holy Moly & the Crackers in Berlin, auch ein sehr schönes Konzert. Wem das bislang alles zu Mainstream war, der kann sich im Anschluss ein paar Funde aus dem Alan Lomax-Archiv ansehen. Flatfooting auf der Terrasse, eine Art Stepptanz. Danach ein Hinweis auf die 70er Jahre Frauenband Fanny, die mir bislang gar kein Begriff waren. Ein Versäumnis, wie man sich ansehen kann. Schließlich zum Abschluss noch einmal der Blues, eine Aufnahme von Furry Lewis. Jeder, der Gitarre spielt, sollte sich das einmal ansehen; man bekommt dann allerdings Lust, die Gitarre offen zu stimmen und mit dem Bottleneck herumzuprobieren. 

Ich war in der Zwischenzeit noch auf zwei Konzerten, die sehr gut waren,  bei denen ich aber zu faul war, einen Blogpost zu schreiben: Zum einen wieder bei Trombone Shorty, für den ich aber eigentlich auf den letzten Konzertbericht verweisen kann. Zum anderen bei Art Brut, die in Berlin den Beginn ihrer Europatour hatten. Bei Art Brut ist mir zumindest ein gutes Konzertfoto gelungen, das kann ich ja dann hier unterbringen.  

(Und hier pflügt der Herr Nachbar durchs Publikum):


Die gesammelten Inhaltsverzeichnisse des Zweitblogs findet man unter dem Tag "Nebenzimmer".

Mittwoch, 17. April 2019

Wir fangen jeden Tag von vorn an

Eine kurze Anmerkung, die mir wichtig ist, angeregt durch zwei Kommentare der letzten Woche. Es wurde darauf hingewiesen, dass das tägliche Bloggen tatsächlich schwieriger ist, als es aussieht. Das ist in der Tat so, spätestens nach zwei Monaten hat man alles aufgeschrieben, was man immer schon mal sagen wollte, freut sich dann vielleicht, dass man am Wochenende vier Blogposts vorbereitet, aber die sind dann nach einer halben Woche auch schon wieder weg. Als ich letztes Jahr nach der längeren Pause wieder angefangen habe, habe ich das Gefühl bekommen, dass einige sich über das Wiederauftauchen nicht unbedingt wegen der Inhalte freuen, sondern auch deswegen, weil jetzt wieder (einer mehr) da ist, von dem man jeden Tag hört. Quasi ein Abreißkalender, bei dem es weniger wichtig ist, was auf dem Blatt steht, als dass überhaupt noch Blätter da sind. Nach den Monaten, in denen ich nichts schreiben konnte/wollte, habe ich das auch für mich akzeptiert. 

Inhaltlich bedeutet das die Fortführung des Prinzips, darauf zu vertrauen, dass mir im Laufe des Tages irgendetwas zu Ohren oder vor die Augen kommt, das für einen Blogpost geeignet ist. Es wird nicht gesucht, sondern nur gefunden; und zwar dort, wo ich halt ohnehin bin. Irgendeine Planung findet praktisch nicht statt, deswegen schreibe ich auch manchmal, dass ich mir nicht aussuchen kann, was hier alles erscheint. Interessanterweise bin ich nicht aus der Blogpause mit hunderten von Ideen gekommen. Ich habe in der Zeit einfach nur sehr wenig interessante Dinge gesehen. Wenn man nicht hören will, spricht die Stadt nicht zu einem. 

Sind das dann Dinge, die andere interessieren? Ich weiß es nicht, es ist mir auch weitgehend egal. Auch wenn es immer ruhiger wird in der Blogwelt und viele aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr veröffentlichen, bleibe ich hier, stehe in dieser merkwürdigen Ecke, umgeben von Straßenmüll und Gemüse, und schlage auf die Trommel. Und fange jeden Tag wieder von vorne an. 

Samstag, 13. April 2019

Fußboden-Ornamente

Letzthin wollte ich ja die große Vogelscheiße-Blogaktion starten, aber die Resonanz war eher verhalten. Das finde ich sehr schade, aus mehreren Gründen. Zum einen ist Vogelschiss für einen Arbeitsweg-Streetblogger ein gutes Motiv, da tut sich auch immer wieder was. Zum anderen hätte ich das wunderbare Blogaktions-Bild von dem ekelhaft verkackten Geländer des Bonner Hauptbahnhof, das aber so aussieht, als sei dort ein böses Baby mit Iro.


Wahrscheinlich hat Vogelschiss inzwischen einfach einen schlechten Ruf, weil er mit der AfD in Verbindung gebracht wird. Mich schreckt das aber nicht, man kann ja dafür sorgen, dass es auch wieder schöne Vogelkacke-Assoziationen gibt, z.B. böse Babies mit Iro.

Zum Einstieg ein wunderbares Fußbodenornament eines jugendstil-inspirierten Vögelchens: Das blieb vom Doppeladler.


Mittwoch, 10. April 2019

Knospen

Wie jedes Jahr freue ich mich darauf, dass die Blutbuchen vor dem Naturkundemuseum Blätter bekommen. Die Blutbuchen sind beblättert wie unbeblättert ein imposanter Anblick (mit dem Handy nur schwer einzufangen), aber die Blattbildung ist schon immer fantastisch. Blutbuchen sind wegen der Farbe auch dabei viel interessanter als die doofen Hainbuchen, die ansonsten rumstehen. 

Aber seht selbst, was letzte Woche passiert ist:







Dienstag, 9. April 2019

Sonntagsbeschäftigung

Endlich die Kartoffeln gelegt. Andere waren da ja schon vor einer Woche soweit; ich bin inzwischen zögerlich. Beim Umgraben des Kartoffelbeets zum ersten Mal in 10 Jahren Probleme mit großen Wurzeln gehabt. Nachdem ich mir nicht recht erklären konnte, wozu die Wurzeln mit teilweise 5 cm Durchmesser gehörten, ging mir dann irgendwann ein Licht auf: Die knapp 10 Meter entfernte Gold Gleditsche hat wohl im letzten Sommer und Herbst enorme Wurzeln ausgebildet. Da sie bei uns auf altem Weltkriegsbauschutt steht, ging das nur in die Fläche. Ein deutliches Zeichen, wie trocken das letzte Jahr war. Ich habe zwar die Bäume auch immer wieder extra gegossen, aber offensichtlich nicht genug. Nun habe ich auch eine Ahnung, womit der Zustand des Rasens zu erklären ist. Kirschbaum und Buchenhecke werden ähnlich ihre Wurzeln ausgebreitet haben. Pluspunkt: Der Rasen ist zwar hinüber, die Gänseblümchen stört das aber nicht.  

Aus dem Kartoffelhügel auch wieder Topinambur entfernt. Hoffnungslos.




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Ansonsten eben im Garten aufgeräumt, geschnitten und die Beete vorbereitet. Die ersten Auspflanzungen von vorletzter Woche haben es nicht weit geschafft, weil die Spatzen die Pflänzchen als Buffet ansehen. Wenn den Kohlrabis die Blätter abgezwickt werden, dann werden sie auch nicht mehr allzu groß. Also haben wir uns ein Netz zum Abdecken besorgt.



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Warum habe ich eigentlich immer Kopfweh, wenn der Eberling am Abend vorher zu Besuch war?

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Ein Beet werde ich wohl jetzt mit einer Mais/Bohnen/Kürbis-Mischkultur bewirtschaften. In irgendeinem Gartenmarkt wurden die Samen als Inka-Anbau verkauft, zum dreifachen Preis des einzelnen Kaufs. Da kaufe ich natürlich separat, aber die Idee, dass sich die Bohnen am Mais heraufranken, ist eigentlich gar nicht schlecht. Der Mais kam bei uns letztes Jahr auch überraschend gut, hatte dann aber zuwenig Wasser im Sommer, so dass die Kolben etwas muckelig waren. Kürbispflanzen habe ich mir aus dem letzten Butternut gezogen, die müssten eigentlich schon dringend raus, würden aber keine zwei Tage bei dem Wetter überstehen. Müssen sich halt noch ein bisschen in unserem Wohnzimmer vergnügen.  

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Wie jedes Jahr der schönste Anblick, wenn die Feige wieder austreibt:


Dieses Jahr habe ich es auch geschafft, Zitrusbäumchen und Olivenbäumchen gut zu überwintern, ohne größere Verluste. Konnte sogar schon die erste Kumquat ernten, von dem Baum, den ich für eine Limette gehalten hatte. 

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Ein Novum: Ich konnte selbst nicht mehr in meinem Blog kommentieren. Nach einer Vielzahl verschwundener Kommentare habe ich dann festgestellt, dass es wohl ein Browserproblem ist.  Zweitbrowser aufs Handy, nur für den Blog, jetzt passt es wieder.

Sonntag, 7. April 2019

Rot-grün vor dem Verkehrsministerium


(Das Foto ist scheiße, aber ich bin ja überzeugt, dass die Dimensionen vor dem Verkehrsministerium einen Knick haben.)

Samstag, 6. April 2019

Die Bäume sind kahl

Wahrscheinlich war das schon länger so, aber seit ich im Dezember in Wien die Bruegel-Ausstellung gesehen habe, ist meine Faszination für kahle Bäume noch einmal gestiegen. Bruegel hat in einigen Bildern, allen voran dem Bild "Volkszählung in Bethlehem", Winterszenen mit kahlen Bäumen im Gegenlicht gemalt.


 Seit ich ein paar dieser Bilder in Natura gesehen habe, konnte ich auch an den kahlen Bäumen auf meinen täglichen Wegen nicht mehr vorbeigehen. Zu den tausenden schwer nachvollziehbaren Fotos auf meinem Telefon kamen halt noch ein paar hundert Bäumchen.






Das hat jetzt aber Gott sei Dank wieder ein halbes Jahr Pause. Es wird ja auch irgendwann mal anstrengend, jeden Tag die gleichen zwei Bäume zu fotografieren. (Und wie regelmäßige Leserinnen wissen, habe ich ja eine größere Abneigung gegen künstlerische Fotografie und leide selbst am meisten, wenn sich das Blog in diese Richtung entwickelt. Aber ich kann mir halt nicht aussuchen, was ich hier mache.)

Freitag, 5. April 2019

Weihnachtsbaum-Challenge

Ich lege mal willkürlich fest, dass Weihnachtsbäume, die nach dem 1.4., aber noch vor dem 1.11. gesichtet werden, bemerkenswert sind. Ein paar entkommen immer der Berliner Stadtreinigung, aber nach einem Vierteljahr sind eigentlich alle eingefangen. Früher gab es noch genügend Verstecke in der Invalidenstraße*, inzwischen ist es da aber schon zu ordentlich. Deswegen eine 1.4.-Sichtung aus Pankow. Hurra! Mal schauen, wie lange der Kollege da noch steht.



*Ich bin jetzt zu faul, um auf die ganzen alten Posts zu verlinken. Das Thema war hier mal ein Leitmotiv des Blogs. 

Donnerstag, 4. April 2019

Hin und zurück


Ich stehe eine halbe Stunde früher auf als sonst, dusche, bereite wie gewohnt das Frühstück vor und füttere die eine Katze, die sich blicken lässt. Ich gehe noch vor 6 Uhr aus dem Haus, wegen der Zeitumstellung ist es noch dunkel. 6 Uhr ist eine magische Grenze in Pankow, dann beginnt der normale Flugbetrieb wieder und der Tag wird alle paar Minuten vom Geräusch landender oder startender Flugzeuge durchfurcht. Aber jetzt ist noch alles ruhig, nein, nicht ruhig, weil auf dem Baum vor dem Haus eine Amsel sitzt und singt. Da unser Schlafzimmer auf der anderen Seite ist, habe ich sie bislang noch nicht in der Früh gehört. Das Lied ist klar und kunstvoll, mit einigen Schnörkeln, es breitet sich aus durch die kalte Luft, als Antwort hört man von links und rechts aus der Entfernung die anderen Amseln, ich denke mal, dass auf etwa 300 m Strecke etwa drei Amseln kommen. Weil man sonst gar nichts anderes hört, habe ich plötzlich eine Vorstellung davon, wie die Karte, die eine Amsel zeichnen würde, aussähe. Die Welt teilt sich in die Amselreviere auf, die durch den Schall ihrer Lieder begrenzt werden. Ich weiß nicht, welche Amsel da singt, es ist auch zu dunkel, um genaueres zu sehen, ich hoffe nur, dass es die gleiche ist, die am Nachmittag auch in unserem Garten singt. Ich werde hoffentlich mehr von ihr hören und vielleicht dann auch sie am Lied erkennen. 


Als ich mich vom Haus entferne, komme ich in den Bannkreis eines der antwortenden Amslerichen. Der muss noch gewaltig üben, das ist nur uninspiriertes Gepfeife (möglicherweise bin ich etwas zugunsten des Hausamslerichs eingenommen).

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Das Publikum in der 6-Uhr-S-Bahn ist etwas anders als das eine Stunde später, verhältnismäßig viele Passagiere schlafen. Ich bin zwar auch müde, aber eine Fahrt zum Hauptbahnhof ist zu kurz für ein Nickerchen. 


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Am Hauptbahnhof wartet eine Gruppe von drei Männern auf den Zug, die sich über eine Begebenheit in der Arbeit unterhalten. Offensichtlich gab es eine Begebenheit zwischen Walter und Dieter. Die Unterhaltung folgt einem seltsamen Muster, jeder sagt einen Satz, in dem sowohl Walter und Dieter vorkommen, der nächste antwortet mit einem ebensolchen Satz, immer wieder, immer weiter. Walter wollte Dieter das vor der Besprechung wohl noch selbst sagen. Ach, deswegen war Dieter dann später so überrascht, von dem was Walter gemacht hatte? Ich komme nicht dahinter, was eigentlich vorgefallen ist, das Ganze erinnert mich an sozialkritische Literatur aus den 70ern, die wir in der Schule lesen mussten und die ich auch nicht verstanden habe.


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Die Zugfahrt ereignislos, genügend Platz, keine Verspätung. Wir fahren an einem alten Bahnhof vorbei, auf dem als Ort „Müssen“ steht. Wie schon häufiger komme ich mir vor wie jemand, den man unwissend in eine Kunstaktion eingesperrt hat.


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Ich habe genügend Zeit, deswegen gehe ich vom Hauptbahnhof zu dem Tagungsort zu Fuß. Da es mal wieder um Digitalisierung geht, suche ich mir den Weg anhand eines Kartenausdrucks, ohne Navi. Nach etwa 15 Minuten stehe ich wieder am Hauptbahnhof, meine Orientierung ist dann anscheinend doch nicht so gut. Aber das macht nichts, ich bin an vielen Schaufenstern vorbeigekommen, die gerade umdekoriert wurden. Es ist ein interessanter Anblick, wenn Leute mit Teilen zerlegter Schaufensterpuppen im Schaufenster knien und gedankenverloren Dinge zusammenschrauben. Kurz überlege ich, ob ich ein Foto machen sollte, aber irgendwie wäre mir das vorgekommen wie in ein Wohnzimmer zu fotografieren.


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Die unsäglichen Ornamente, die verdeckt werden müssen, damit die Passanten beim Anblick nicht dem Wahnsinn verfallen, kann ich allerdings fotografieren.


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Natürlich auch den qualmenden Mülleimer (den Geruch verbrannter Filter bitte dazu denken). So sind sie, die Hanseaten!


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Heutiges Rebellenlevel: Mit Krawatte in die Digitalisierungssitzung (wenn einer disruptiv kann, dann wohl ich!). Innovative Treffen heißt, dass man keine richtigen Stühle bekommt. Innovative Kreuzschmerzen.


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Alpdrucksatz des Tages: „Der Customer muss wieder in den Driver’s Seat der Customer Journey gesetzt werden.“


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Durch den sanften hanseatischen Regen geht es wieder zurück zum Hauptbahnhof; mein Zug hat Verspätung und beinahe hätte ich gar nicht gemerkt, dass er schnell auf ein neues Gleis verlegt wurde. Im Zug bastele ich noch ein Papier fertig, das ich eigentlich während der Sitzung schreiben wollte, dort aber nicht konnte, weil es ja noch nicht einmal einen Tisch gab.

(Das scheint die Hamburger Sonne zu sein.)


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Zurück in Berlin bin ich auf einmal wieder overdressed. Die Sonne scheint und ich überlege, den Boden des Bahnhofvorplatzes zu küssen, aber ich bin ja nicht der Papst. Vor dem Nachbarhaus sehe ich einen Amselhahn, der gerade ein paar Würmer aus dem Boden gezogen hat. Er schaut mich kritisch an. Ob es der Sänger von heute früh ist?