Everybody's fucked in his own special way

Samstag, 30. Dezember 2017

Jahresrückblick

Was soll man sagen? Was den Blog betrifft wurde ja schon alles zum Fünfjährigen, zur Blogroll und zum 500.000 sowie im Besinnungsaufsatz Über das Bloggen geschrieben. Das ist mehr als genug Meta-Diskussion für dieses Jahr. 

Die schönste Charakterisierung des Blogs hat mir ohnehin Mirjam per Postkarte geschickt:



Das trifft es wohl und damit kann ich gut leben. 

Global gesehen muss man sagen, dass 2017 immerhin nicht so schlimm war wie man es sich vor einem Jahr noch vorgestellt hat. Bedeutet wahrscheinlich nur, dass die Lunte halt noch ein bisschen länger ist, als ursprünglich gedacht. 

Immerhin habe ich 2017 wieder mit dem Schafkopfspielen angefangen. Und in der Kommentarspalte hier wurden die verwunderlichsten Diskussionen geführt, über Schreibfehler in Tätowierungen, Klaus Lage, Elefantengenitalien, Yeti-Pflege, den Makaken-Zwischenfall des Andy Bonetti und noch viele andere Dinge (das war jetzt eine etwas zufällige Zusammenstellung, hier schlummern viele erstaunliche Dinge).  Und diese Diskussionen haben 2017 sehr zu meiner Belehrung und meinem Amusement beigetragen. 

Allen vielen Dank dafür!

Donnerstag, 9. November 2017

S 1

Auf dem Heimweg in der S1. Draußen ist es schon dunkel, die Bahn ist gut gefüllt. Ich stehe in der Tür, schaue von meinem Smartphone auf, um zu sehen, an welcher Station wir sind. Meine Mitreisenden schauen auch auf die Handys oder in Bücher, einer trinkt sein Feierabendbier. Ich schaue durch den Waggon, da fallen mir, nacheinander, drei Frauen auf, die sich ebenfalls im Waggon umsehen. Alle drei haben kupferfarbenes rötliches Haar, leicht geflochten. Sie sitzen weit auseinander, dürften etwa 25, 40 und 60 Jahre alt sein. Sie könnten die gleiche Person, nur in verschiedenen Lebensaltern, sein. In einer S-Bahn, in der niemand die Mitfahrenden ansieht, sehen sie mich, nacheinander, mit müden Augen an,  und senken dann den Blick, als hätte ich einen Test nicht bestanden. Für einen Moment bin ich mir fast sicher, in eine merkwürdige Zeitreisenden-Geschichte geraten zu sein. Was passiert jetzt noch in der S 1, dass die Zeitreisende in drei Manifestationen mitfährt? 

Bevor ich es erfahre, muss ich aussteigen.



Sonntag, 15. Oktober 2017

Bedeutende Dienstreisen (32)

Als ich am Hauptbahnhof stehe, ziehen dunkle volle Wolken über den Berliner Himmel, in mehreren Schichten, offenbar sind die Windgeschwindigkeiten in den verschiedenen Höhen sehr unterschiedlich. Es sieht irgendwie so aus, als hätte ein ambitionierter Regisseur hier eine 3D-geeignete Computeranimation bestellt. 

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Bei der Fahrt von Berlin nach Hamburg fragt man sich immer, ob Deutschland wirklich so eng besiedelt ist. Vorbei an Industrieruinen, endlosen Feldern, Windturbinen. Wunderbare Bilder, allerdings kann man bei 220 km aus dem Zugfenster nicht gut fotografieren. Bei mir am Tisch sitzen junge Frauen, die sich auf englisch unterhalten. Sie haben ihre Laptops vor sich und schieben Zahlen für ein Budget hin und her. Die Kleidung ist unauffällig, nichts von dem üblichen Business-Outfit, alle sind wohl unter Dreißig. Hätte mich interessiert, welche Branche das war. Aber nach drei Minuten war klar, wer die Chefin bei dem Trupp war. 



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Was mich an Hamburg fasziniert, ist, dass man nur irgendwo mit der U-Bahn hinfahren muss, um Gegenden zu finden, die viel abgeranzter sind, als alles was man in Berlin findet. Ich weiß nicht, ob das jetzt schon Berliner Lokalpatriotismus ist. Ich schaue mir nicht genau an, wo ich hin muss, steige falsch aus und kann ein bisschen herumspazieren. In Hamburg findet man auf der Straße allerdings viel mehr kaputte Regenschirme als in Berlin.

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Der Hafen ist schon beeindruckend. Wenn man einfach gegen die Sonne fotografiert, kriegt man auch ein paar nette Bilder. 

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Vor meinem Termin gibt es eine Besichtigung der Elbphilharmonie. Ich habe das Thema bis jetzt einigermaßen verschlafen, dachte mir, ich steige irgendwo aus und gehe dann einfach auf das hässlichste große Gebäude zu, das ich sehe, aber da gab es zu viel Auswahl. Also nähere ich mich mit Handynavigation. Wir haben eine hansatisch wichtige Führerin, die uns gleich erklärt, dass man nicht fotografieren kann, weil sonst der Archtitekt schlimm weinen muss. (Aus mir unerfindlichen Gründen erklärt sie, dass man die Handys auf "Flugmodus" stellen soll, weil nicht fotografiert werden darf.) Als erste Attraktion gibt es eine lange Rolltreppe. Glamouröser kann es ja kaum noch werden. 

(Ich durfte nicht fotografieren, bitte jetzt selbst lange Rolltreppe vorstellen. Groovy, wa?) 

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Ich habe ja leider von Architektur keine Ahnung und auch keinen Ehrgeiz, das grundlegend zu ändern. Die Elbphilharmonie ist aber in erster Linie ein großes Treppenhaus, in dem es keine geraden Linien gibt. Also etwa, Hundertwasser, allerdings ein Hundertwasser, dem die Farben ausgegangen sind, da alles entweder Eichenparkett (von speziellen Eichen aus Spanien, die von 100jährigen Schnitzern nackt mit kleinen handgeschmiedeten Messern in Form geschnitten wurden ) oder weißer Putz (der aus sieben Schichten afrikanischen gestoßenen Muschelschalen besteht) ist. Ich stelle mir Architekten vor, die sich freundliche Drogen einwerfen, abstruse, irrsinnig teure und sinnlose Ideen sammeln, am nächsten Tag zum Auftraggeber gehen, um ihn ein bisschen zu verarschen, und dann äußerst überrascht sind, dass alles anstandslos genehmigt wird. Die Führerin erläutert auch, warum es ein äußerst geschickter Schachzug war, bei der ursprünglichen Entscheidung die Kosten um den Faktor 12 zu niedrig anzugeben. Aber ich bin ja ganz in der Nähe von Neuschwanstein aufgewachsen, da ist man derlei Größenwahn gewohnt.

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Aber wollen wir mal nicht so sein, so eine knappe Milliarde zahlt man doch gerne. Und immerhin wird die musische Ausbildung von Kindern gefördert (or so they say). Der Konzertsaal wurde natürlich auch von einem japanischen Meisterakustiker gestaltet, der in der Nacht in sich hineinhört und an seinem Bauchglucksern den Füllstand des Magens auf den Kubikzentimeter genau berechnen kann. Gute Männer kosten halt auch Geld. Die Führerin erzählt auch etwas davon, dass der Konzertsaal akustisch entkoppelt sei, weil es tatsächlich störend sein könnte, während eines Konzerts das Tuten der Nebelhörner der Kreuzfahrtschiffe zu hören. Wer hätte das gedacht! Wunder der Technik! Und letzthin hätten die Einstürzenden Neubauten gespielt, da hätte man draußen nix gehört! (Wie schön!) Auf Nachfrage eines Teilnehmers, wer denn die Einstürzenden Neubauten seien, antwortet sie "eine herzerfrischende Mischung aus Punk und Heavy Metal". Genau, genau!

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Äußerlich ungerührt, innerlich erschüttert geht es dann zum eigentlichen Meeting. Ich wurde gebeten, etwas zu einem Thema zu erzählen, das eigentlich keiner hören will. Wenn ich nicht gerade mit sinnlosen Aufträgen durchs Land reise, ist das Überbringen schlechter Nachrichten mein eigentlicher Job. Die Diskussion überstehe ich, ohne dass mir körperliche Gewalt angedroht wird, ein schöner Erfolg. 

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Die Zugfahrt nach Hause bleibt ereignislos. Am Abend eine Nachwirkung des Tages: Ich rege mich eine halbe Stunde lang über einen belanglosen Zeitungsartikel auf, obwohl ich mich eigentlich selten aufrege. Den Mund zu halten, wenn jemand von "herzerfrischenden Mischungen von Punk und Heavy Metal" spricht, hat halt seinen Preis.  

(In der Nacht träume ich davon, dass ich der Elbphilharmonie ein paar Millionen spende und dafür ein paar Urinale in der Philharmonie mit persönlicher Widmung versehen werden.)

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Ja, möglicherweise bin ich noch beleidigt

Hallihallo Ihr Lieben!

Fällt es Euch gerade auch so schwer, bei diesem grausigem  Wetter aufzustehen? Da kuschele ich doch lieber noch fünf Minuten mit meiner "Göttergattin", bevor ich für unsere zwei Racker das Frühstück bereite *grins*.

Und am schönsten ist es doch, wenn man dann noch ausgiebig mit den "Stubentigern" schmusen kann. Awww!

Was macht Ihr, damit Ihr bei diesem "trüben" Wetter gleich richtig "auf Touren" kommt? Schreibt es doch einfach in den Kommentaren! Wenn Euch dieser Post gefallen hat, dann teilt ihn doch auf Facebook, Instagram, Snapchat und SchülerVZ und schaut auch mal bei meinem Affiliate-Shop vorbei! Mit dem Aktionscode "Kuschel" gibt es 10% auf alles*.

Immer schön knuddlig bleiben

Euer 

Acki





*Außer Tiernahrung und Zeitschriften.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Herzchen

Ein Nachtrag zu dem gestrigen Post über Twitter, da dieser möglicherweise einen falschen Eindruck vermittelt:

Bei Twitter ist es mir genau wie hier im Blog relativ egal, wie groß die Resonanz insgesamt oder auf einzelne Beiträge ist. Ich mache das, was mir gerade so einfällt; ab und zu wundert es mich dann, dass die Resonanz so gering ist, ab und zu finde ich es rätselhaft, dass die Resonanz so groß ist. Wenn man das wirklich mit Reichweiten-Ehrgeiz betreiben wollte, hätte man die Bemühungen entweder schon längst einstellen  oder etwas besser strukturieren müssen.  Auf beides habe ich aber - aus ganz verschiedenen Gründen - keine Lust. 

Bei Twitter werden Herzchen verteilt, die im Wesentlichen zeigen, dass man einen Tweet wahrgenommen hat und in irgendeiner Form gut findet. Damit hat man ein ganz interessantes Maß für die Beliebtheit einzelner Äußerungen. Wenn man hier Ehrgeiz hat, führt das natürlich dazu, dass man versucht, Dinge zu schreiben, von denen man annimmt, sie würden möglichst vielen gefallen. Deswegen verfolge ich das nicht allzu genau, es sei denn, einzelne Tweets entfalten eine (für mich) außerordentliche Wirksamkeit (wie die gestrigen Beispiele).

(Nach dieser umständlichen Einführung der eigentliche Punkt:)

Es gibt eine Sache, die ich hier im Blog prima finde: Es gibt praktisch keine Kommentare, die das Äquivalent eines (bloßen) Herzchens wären. Damit meine ich die kurzen Lobausrufe. Einmal im Jahr darf meinetwegen jeder einmal schreiben, dass er einen Post oder ein Bild besonders gut fand, aber ansonsten finde ich es gut, dass die Kommentare (die ja gerne auch nett sein dürfen) hier regelmäßig einen neuen Beitrag, einen andere Sichtweise oder vielleicht auch einen schrägen Scherz bringen. Wenn ich mich in anderen Blogs durch eine Vielzahl von Kommentaren wie "Schöner Beitrag", "Tolles Bild" kämpfen muss, macht mich das wahnsinnig (wenn entsprechende Kommentare von mir unbekannten Personen hier im Blog auftauchen, lösche ich sie auch meistens)Der gestrige Post soll jetzt bitte auch nicht so verstanden werden, dass ich solchen Zuspruch wünschte oder brauchte. Ansonsten beginne ich dann auch jeden Blogbeitrag mit "Hallihallo meine Lieben".

Samstag, 23. September 2017

Was man in Lichterfelde Ost alles lernen kann

1. Purple Schulz und Hasenscheiße* spielen auf dem Stadtfest in Teltow.


2. Was die größte Offenbarung ist:


(Ihr seht noch nichts?)


Jo, das kommt hin. 


*Ich weiß nicht, wer Hasenscheiße ist. Ich will die nicht googlen.


Samstag, 9. September 2017

Ein Spaziergang im Prenzlauer Berg

Letzthin habe ich J.S. um 7.40 Uhr zu seiner neuen Schule begleitet, hatte aber den nächsten Termin erst um 10 Uhr in Friedrichshain. Ins Büro gehen lohnt nicht, wieder nach Hause auch nicht, also nahm ich mir die Zeit für einen gemütlichen Spaziergang durch den Prenzlauer Berg, den ich inzwischen nur noch aus den Fenstern der Straßenbahn kenne. 

(Heute ist Samstag, ich nehme an, Ihr habt ein bisschen Zeit mich beim Spaziergang zu begleiten.)

Zunächst sah ich auf der Straße ein wunderschönes Herbststillleben:

Überhaupt sind die Straßen im Szeneviertel natürlich genau so schlecht wie überall, so dass man einige sehr schöne Oberflächenstrukturen sehen kann. 

Dass die Leute dort ein bisschen bekloppt sind, kann man allerdings an den Aushängen an den Laternen sehen. Ich bin nicht in der Lage festzustellen, ob das authentisch ist oder eine Art virale Werbung für was auch immer sein soll, aber ich nehme mal an, wenn's eine virale Werbung wäre, dann wäre sie auf englisch (vgl. auch Spahn, Jens). 

Bei der kurzen Rast auf der Parkbank stellt man auch fest, dass hier andere Leute auf den Bänken sitzen als anderswo in Berlin. Irgendwer hat einen umfassenden Vorbericht der Anlageausschusssitzung eines Universal Investment Fonds liegen lassen. Ein paar hundert gebundene Seiten. Bekloppt. 

Fast sympathisch ist dann ja schon diese Kneipe, die mit "Serious drinking" und "No Wifi" wirbt. 

Eine Grundschule wird von einem Hund und einer Katze bewacht. Hier nur die Katze, um mich herum waren schon relativ viel nervöse Leute, die Sorge hatten, weil ein älterer Herr eine Grundschule fotografiert. 

Interessant: Die Katze über der Weltkugel, als pantokrator, Weltherrscherin. 

Weiterer netter Fassadenschmuck der Schule, bekloppte Ornamente der Gründerzeit. Ich wette, dass diese Ornamente kaum einem der Schüler, die hier jeden Tag hinein gehen, aufgefallen sind. 

Man kann nicht durch den Prenzlauer Berg gehen, ohne immer wieder an den verstummten Propheten des Berliner Niedergangs zu denken; da braucht es auch gar nicht solcher Erinnerungen:

Auf dem Spielplatz: Anti-Gentrifizierungs-Graffiti.

Gleich danach: Eines der deutlichsten Zeichen für Gentrifizierung, das ich bislang gesehen habe. Während anderswo in Berlin Leute ihren Müll mit einem Zettel "Zum Verschenken" vor die Tür stellen, steht hier ein Weinregal. Ein Weinregal! (Während ich das schreibe, läuft es mir eiskalt über den Rücken: Wir haben auch schon mal eines vor die Tür gestellt, zusammen mit lauter Kinderkram. Scheiße! Enttarnt bzw. ertappt.)



(Unseres war schöner.)

(Wer vermutet, dass mich an diesem Bild vor allem die Struktur des Putzes und das Muster des Kopfsteinpflasters fasziniert, kennt mich schon ziemlich gut.)

Ein unbekannter Künstler fasst die Eindrücke in vier Worten zusammen:


Zum Schluss noch, als Zugabe kurz vor dem Märchenbrunnen, ein wunderbares Wandbild, das mich besonders anspricht, weil ich eine heimliche Schwäche für schöne wilde Frauen, die fünf Stockwerke groß sind, habe. Man findet sie nur so selten! (Vielleicht sollte ich häufiger in den Kater Blau, Rewe oder zu Codetalks?)



Mittwoch, 16. August 2017

Das Haus am See: Sprachliches und Ornithologisches

Normalerweise sagt man es ja über das UK und die USA, aber es passt auch hier: Österreich und Deutschland sind zwei Staaten, die durch die gemeinsame Sprache getrennt sind. Ich höre das ja immer gerne, stelle aber fest, dass zwei Jahrzehnte Berlin meine Dialekterkennungskenntnisse sehr vermindert haben. Entzückend finde ich die Nomenklatur bei den Kartoffeln: Frühe festkochende Kartoffeln sind hier "frühreife speckige Erdäpfel". Speckig als Gegensatz zu mehlig leuchtet mir sofort ein, der österreichische Sprachgebrauch fügt den Erdäpfeln auch noch eine Ebene Erotik hinzu, die preußische Kartoffeln schwerlich erreichen können. 

Also kaufen wir, leicht erregt, die frühreife speckige Annabelle.


***

Mein Bücherschrank ist sowieso zu einem großen Teil mit Österreichern besetzt, zwei habe ich mir als Lektüre mitgenommen; nachgelassene Texte von Friedrich Torberg und späte Texte von Karl Kraus. Beides, in mehr als einer Hinsicht, Dokumente einer inzwischen vollständig versunkenen Welt. (Torberg sollte man ohnehin wieder mehr lesen. Als Jugendlicher hatte ich einiges gelesen, was meine Vorstellung von den k.u.k-Zeiten nachhaltig geprägt hat. Die Texte halten m.E. auch jetzt noch stand). In Österreich stelle ich fest, dass sich meine verschütteten Allgäuer Sprachreste nebst Sprachfärbung wieder nach vorne drängen. Allerdings vermischt sich dieses Exil-Allgäuerisch äußerst unschön mit österreichischen Fetzen, von den Sprachfamilien passt das ja eigentlich nicht recht zusammen. Meine Familie erträgt das (wie so manches andere) stoisch.

***

Romantischer Abend am See

Frau A.: Ist das schön hier.
Herr A.: Ja.
F: Da sind Enten.
A: Könnten auch Ralle sein.
F: Ralle?
A: Ralle.
F: Das denkst du dir jetzt aus, oder?
A: Nein. Es könnten auch Ralle sein. 
F: Was sind denn Ralle?
A: Na, zum Beispiel diese schwarzen Wasservögel mit weißen Streifen. 
F: Du meinst Blässhühner?
A: Blässhühner sind auch Ralle.
F: Blässhühner sind Blässhühner.
A: Blässhühner sind auch Ralle. 
F:-
A: Hast du eigentlich bei den letzten politischen Diskussionen gar nicht aufgepasst?
F: ?
A: War doch in allen Zeitungen: Ehe für Ralle!
F: -
A: EHE FÜR RALLE! HAHA!
F: Ich gehe jetzt besser wieder in die Ferienwohnung.
A: RALLE!

(Später)

F: Ich habe jetzt nachgesehen. Offenbar hatten wir beide recht: Blässhühner sind eine Unterart der Familie der Ralle.
A: WAS HEISST HIER, WIR HATTEN BEIDE RECHT? GENAU DAS HABE ICH DOCH GESAGT UND DANN HIESS ES WIEDER, ES GÄBE KEINE RALLE, ICH DÄCHTE MIR DAS ALLES NUR AUS, UND ÜBERHAUPT:::
F: -
A: -
(schläft dann auf der Veranda). 

***

Neben Enten und Rallen gibt es auch Haubentaucher auf dem See. Die sehen ja ohnehin sehr schön aus, ich habe dann immer wieder versucht, ihnen hinterher zu schwimmen. Das ist gar nicht so einfach, weil der Haubentaucher plötzlich untertauscht und dann nach sehr langer Zeit an einem ganz anderen Ort wieder auftaucht. An einem Tag, aber wirklich nur an einem Tag habe ich beobachtet, dass Schwalben ganz knapp über den See flogen, um sich Insekten zu fangen. Das war auch schön, zu schwimmen und die Schwalbe knapp vor einem herumfliegen zu sehen.

Samstag, 15. Juli 2017

Nach dem fünften Jahr

Ein Freund und Kollege von mir, der stundenlang in einem russischen Zug unterwegs war, versuchte die kyrillischen Buchstaben auf den Wandplakaten zu entziffern und verfiel dabei in eine Art reverie darüber, was sie bedeuten könnten und - dem Prinzip der "freien Assoziation" folgend - woran sie ihn erinnerten, und er befand sich alsbald inmitten von allerlei Reminiszenzen. Zu seinem Leidwesen entdeckte er unter denselben auch ein paar alte und höchst unangenehme Gefährten schlafloser Nächte, [...] . Durch freie Assoziation stößt man auf die kritischen geheimen Gedanken, gleichgültig, von welchem Ausgangspunkt her, ob von Symptomen, Träumen, Phantasien, kyrillischen Buchstaben oder Bilder moderner Kunst. [...]"

C.G. Jung, Traum und Traumdeutung

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Ich kenne einen Mann, der auf dem Weg zur Arbeit die Augen offen hält und aufmerksam alles am Wegesrand registriert und dokumentiert. Seine Gedanken sind nicht durch alltägliche Sorgen oder Überlegungen zu seiner Arbeit verklebt und verkümmert, er sieht mehr als alle anderen Passanten. Sein Blog ist daher gelebter Zen-Buddhismus. Kennen Sie ihn zufällig?

Matthias Eberling, Tote wissen nichts

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Fünf Jahre sind vergangen, knapp 1800 Posts. Blogs wachsen, sie entwickeln sich. Noch habe ich nicht das Gefühl, dass das nur noch eine mechanische Übung ist oder ich mich nur noch wiederhole, also kann ich noch weitermachen. Richtschnur ist hier immer, dass mich der Kram hier selbst interessieren muss. Ob die Leser sich drauf einlassen wollen, müssen sie selbst wissen. Dieser Blog überlässt ja ohnehin den Lesern die meiste Arbeit. Wie in dem einleitenden Zitat ausgeführt, ist das Material, über das man sinniert, egal. Es weist einen immer nur auf das hin, was ohnehin in einem schlummert.

Beim zweiten Zitat bin ich so unbescheiden, es auf mich zu beziehen, muss aber gleich sagen, dass ich den Mann (leider) nicht kenne. Ich wäre sicher gerne frei von alltäglichen Sorgen, bin's aber nicht. Jeder Blog ist im gewissen Maße Inszenierung, der Blogbetreiber bestimmt, was der Leser zu sehen kriegt und was vor ihm verborgen bleibt. Ich lasse hier das meiste weg, was mit anderen Menschen zu tun hat, zumindest soweit es negativ ist. Die Familie wird ohnehin inzwischen weitgehend ausgespart, weil die sich auch Schöneres vorstellen kann, als Personal einer schlechten Sitcom zu sein. Was die sonstige Umgebung betrifft: Sich über identifizierbare Leute in einem anonymen Blog aufzuregen, ist immer eine schwierige Abwägung. Deswegen bleibt hier einiges ausgespart, was den stoischen Eindruck beeinträchtigen könnte. Ich fände es interessant, mehr über die Arbeit und die entsprechenden Konflikte zu schreiben, das müsste dann aber in anderer, stärker verfremdeter Form geschehen. Das wäre eher zeitaufwendig.

Über die fünf Jahre haben sich die Inhalte hier durchaus verändert, auch wenn das Grundkonzept noch einigermaßen intakt ist. Am Anfang habe ich mich einiges gar nicht zu schreiben getraut, weil ich Sorge hatte, jemand könnte Anstoß nehmen. Relativ rasch habe ich gemerkt, dass dafür erst einmal jemand den jeweiligen Text lesen müsste. Inzwischen mache ich hier weitgehend, was ich will. Pöbelkommentare habe ich bislang noch keinen bekommen, das Schlimmste war mal jemand, der ausgiebig meine Fotografien lobte, das vertrage ich nicht (da habe allerdings ich gepöbelt, naja)

Ich habe mich immer eher als Schreiber gesehen und ich bin auch überzeugt, dass ich eher in der Lage bin, einen vernünftigen Text zu schreiben als ein vernünftiges Foto zu schießen. Trotzdem ist das hier alles furchtbar bildlastig, vor allem deswegen, weil ich für Texte viel zu lange brauche. Es bleibt also bei dem Paradox, dass das hier ein bildlastiger Blog ist mit Fotografien, die meistens formal ungenügend bleiben. Schlimmer noch, mich interessiert es auch gar nicht, hier besser zu werden. Das ist so eine Art lo-fi-Ansatz, der es wohl einigen unmöglich macht, hier regelmäßig vorbei zu schauen. Das tut mir leid, aber ich werde es nicht ändern (selbst wenn ich das könnte). 

Wie schon im letzten Jahr geschrieben: Die Leserinnen haben die Option, anderswo hinzugehen, wenn ihnen das Programm hier nicht passt. Ich habe die Option leider nicht, sondern muss mit meinen guten und weniger guten Einfällen leben.

Die Zugriffszahlen sind inzwischen gar nicht mehr sinnvoll ermittelbar, da der Blog seit etwa einem dreiviertel Jahr von französischen Bots besucht wird, die etwa fünf Mal so viel Zugriffe generieren wie die "richtigen" Besucher. Die Statistiken versinken damit im Schlamm der virtuellen Besucher. Wenn ich mir sehe, was aus deutschsprachigen Ländern kommt, schätze ich, dass hier täglich etwa 40-60 Leute aufschlagen, relativ konstant. Das ist nicht furchtbar viel, aber ich bin vollkommen zufrieden. Schließlich werden hier keine Themen behandelt, die spannend wären, sondern eher merkwürdige Sachen. Meine Besucher sind aber zumeist mitteilsam, freundlich und witzig. Was will man mehr? Häufig stehen in den Kommentaren Dinge, die meine Gedanken anregen und mich freuen oder die den Post besser oder witziger machen. Wenn ich mir ansehe, wie es ansonsten in Kommentaren oft aussieht, weiß ich das sehr zu schätzen. 

Über die Jahre habe ich mich auch immer gefreut, in Kontakt mit anderen Bloggern zu kommen. Das funktioniert ganz gut, einige kenne ich jetzt auch persönlich, anderen schreibt man gelegentlich E-Mails, mit vielen habe ich regelmäßig Kontakt. Ich hatte früher immer Brieffreunde, das scheint mir hier eine Fortsetzung der Brieffreundschaften mit anderen Mitteln zu sein. Über die Jahre haben einige aufgehört, manche sind verstummt, andere verschollen in den großen Berliner Bloggerkriegen, von anderen hört man nur noch sporadisch, aber das ist halt der Lauf der Dinge und auch, wenn man manchmal lange Zeit nichts mehr voneinander hört, ist der andere doch nicht vergessen. Ich stöbere auf jeden Fall immer noch gerne in den über 70 Blogs, die bei mir in der Blogroll sind (auch wenn davon inzwischen eine große Anzahl inaktiv ist). Aber ich finde auch immer wieder neue Seiten, die ich gerne lese.  Ich glaube auch, dass ein Netzwerk von Bloggern notwendig bleibt, damit das ganze Unterfangen noch Sinn hat. Irgendwann kann ich sonst meine Posts auch mit Edding in den Unterführungen aufmalen. Es scheint mir aber so zu sein, als würden verstärkt Leute mit Blogs aufhören, während nicht mehr so viel nachkommt. Man wird sehen. Vielleicht muss man irgendwann wirklich wieder anfangen, Briefe zu schreiben und kleine kopierte Heftchen zu verschicken, wie zu Punk-Fanzine-Zeiten. Wenn meine Einschätzung der Zugriffe auf AiP einigermaßen zutrifft, wäre das wahrscheinlich sogar machbar. 

(Und nein: Mein neues Fanzine würde dann nicht mehr "Die Deutsche Bäckar-Zeidung" heißen.)

Abschließend möchte ich allen Leserinnen, Kommentatorinnen und Sympathisantinnen jeglichen Geschlechts für Besuch und Wohlwollen danken. Ich werde mich bemühen, auch im nächsten Jahr wieder täglich eine kurze Notiz zu veröffentlichen. Und es wird mir gelingen, Euch zu überraschen, weil ich ja selbst meist am Abend noch nicht weiß, was da am Morgen stehen wird. 

Und wer noch das Geheimnis dieses Blogs wissen will, Grant Snider hat es hier aufgeschrieben. 

(Morgen gibt es dann noch die große Jubiläumsverlosung, danach die übliche Sommerpause.)