Everybody's fucked in his own special way

Montag, 20. Februar 2017

Vier bemerkenswerte Geburtstagsfeiern

Der 28. Geburtstag: Ich war gerade für ein Jahr in Edinburgh. Ich hatte ein Zimmer in der Wohnung eines britischen Pärchens, die an Studenten vermieteten. Zu meinem Geburtstag hatte ich Mitstudenten zum Essen eingeladen, ich machte Krautspatzen (fast unmöglich, damals in Schottland vernünftiges Sauerkraut oder Mehl zu kriegen). Die deutschen Mitstudenten fraßen begeistert, die anderen vertretenen Nationen nahmen höflich einen Teller und hatten dann keinen Hunger mehr. Nach der Feier nahm mich der Vermieter zur Seite und teilte mir mit, dass seine Frau Fiona es nicht gut fand, dass so viele Leute in der Wohnung waren, und dass ich mir doch ein anderes Zimmer suchen sollte. Freundliche Mitstudenten haben mir dann später folgende Tasse geschenkt.

Der 33. Geburtstag: Umzug von Mitte nach Pankow. Nachdem die wichtigsten Kisten ausgeräumt waren, scheitern wir daran, eine Kneipe in der Nähe zu finden. 

Der 36. Geburtstag: Unternehmensevent in Washington DC.  Nur ein Kollege weiß, dass ich Geburtstag habe, ich verdonnere ihn zum Schweigen. Wir sind eingeladen zu einem Abendessen in einem feinen italienischen Restaurant in Washington, die Speisekarte ist absurd. Das Wasser schmeckt nach Chlor, die Spezialpasta ist mit Liebstöckel, so dass sie schmeckt wie Spaghetti mit Maggi-Würze. An diesem Abend fasse ich den Entschluss, dass ich schleunigst den Arbeitgeber wechseln muss. Es gelingt mir innerhalb von 8 Monaten. 

Der 40. Geburtstag: Ich verbringe ihn auf einem Firmenevent hoch über den Dächern Berlins, bei dem zwei Führungskräfte verabschiedet werden. Der eine war auch mein Chef, einer der wenigen Menschen, die ich kennengelernt habe, von denen ich sicher bin, dass sie böse waren. Als Unterhaltungsprogramm singt jemand schweinische Chansons aus den Zwanziger Jahren; das und die Location haben anscheinend so viel gekostet, dass das Essen wirklich inakzeptabel ist. Abgesehen von einer Lieblingskollegin sitze ich zwischen lauter unangenehmen Leuten. An diesem Abend fasse ich den Entschluss, dass ich schleunigst den Arbeitgeber wechseln muss. Ich schaffe es innerhalb eines Jahres. 

Sonntag, 19. Februar 2017

Kathedralen

Tikerscherk hat letzthin ein Foto von ihrem Hausflur eingestellt und mit dem schönen Schlagwort "Kathedrale" versehen, weil durch ein Graffiti an dem Türglas das Licht wie durch ein farbiges Glasfenster einer Kathedrale fällt.

Ich mag Glasfenster in alten Kirchen, den Augenblick, wenn die Sonne die Fensterrose erreicht, und die Dunkelheit von farbigem Licht durchbrochen wird. In der DDR gab es anscheinend auch eine Glasmosaik-Tradition - in einem Bibliothekssaal der Humboldt-Universität las man unter einem monumentalen gläsernen Lenin (die Darstellungen waren ja meist ähnlich ikonenhaft wie bei den Heiligen). Die modernen Glasfenster finde ich meistens nicht mehr so beeindruckend, deswegen finde ich es schön, den Kathedraleneffekt an anderen Stellen zu suchen. Und wie es immer ist, wenn man auf eine Sache hingewiesen wird, über die man vorher noch nicht nachgedacht hat, sah ich einen Tag nach dem Post von Frau Tikerscherk auch ein solches modernes Glasfenster - den Effekt verdanken wir einem S-Bahn-Schmierer, der sicher selbst am meisten überrascht darüber wäre, dass er in einen Zusammenhang mit alten Glasfenster-Meistern gebracht wird.


Samstag, 18. Februar 2017

Bedeutende Dienstreisen (25) - Deja vu



Der Tag beginnt mit unheilvollen Vorzeichen. Punkt 0 Uhr steht die Katze vor der Schlafzimmertür und maunzt bedrohlich. Sieht sie Geister? Ist sie selbst besessen? Wir werden es nie erfahren, denn ich bin ja nicht blöd und stehe auf. 


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Kurz nach fünf ist das bestellte Taxi noch nicht da. Ich gehe ein bisschen die Straße entlang und finde ein Taxi, das langsam den Bürgerpark umkreist. Er habe die Straße nicht gefunden, meint der Taxifahrer. Gut, dass ich ihn gefunden habe, so komme ich pünktlich zum Flughafen. 

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Frau Ackerbau schickt mir ein Foto von etwas, was der Kater hineingetragen hat. Überlege kurz, einen Fünftblog „What the cat dragged in“ zu eröffnen, der sowohl für Katzen- als auch für Splatterfans geeignet wäre. Wahrscheinlich aber doch nur für die Schnittmenge dieser zwei Gruppen. Damit lässt sich dann auch kein Geld verdienen. 


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Ich habe wieder Gelegenheit, den Enteisungsmaschinen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Irgendwie sieht das immer so aus wie in einem alten Science-Fiction-Film.


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Sitzung in einem wirklich schönen Besprechungssaal, der so riesig ist, dass gut dreißig Teilnehmer im Kreis sitzen können. Der Gastgeber verrät mir, dass hier ansonsten Besprechungen gehalten werden, bei denen keiner der Beteiligten in der zweiten Reihe sitzen wolle, deswegen sei die Bestuhlung so zweckmäßig. Es geht um klassische Themen, wie bürgerkriegsähnliche Zustände und Onroad/Offroad Parking


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Ich habe zwei Präsentationen dabei, eine halte ich gleich gar nicht, weil keine Zeit mehr ist, bei der anderen stelle ich fest, dass sie nach zwei Folien aufhört, obwohl ich eigentlich fünf gemacht habe. Muss mir merken, dass es ein guter dramatischer Effekt ist, wenn man ankündigt, jetzt wollen wir mal die Ergebnisse ansehen, und dann sogleich eine leere Leinwand kommt. Noch besser ist natürlich der dramatische Effekt, wenn einem selbst auch bewusst ist, dass keine Folie mehr kommt.


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Ich bekomme Nachricht, dass in Berlin gestreikt wird, mein Rückflug scheint aber einer der letzten zu sein, der noch geht. Da ich schon das letzte Mal gezwungenermaßen den Zug von Stuttgart nach Hause nehmen musste, wäre das auch ein bisschen zuviel des Guten. Die Berliner Streiks sind immerhin gut gemischt, erst zwei Tage Schulen, dann ein Tag Bodenpersonal. Der Schulstreik führte zu familiären Grimm, da nur bei J.S. und nicht bei J.J. gestreikt wurde. 


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Am Flughafen tut sich erstmal lange nichts, es wird eine Verspätung von 45 Minuten angekündigt, wenigstens nicht annulliert wie die anderen Flüge nach Berlin. Irgendwann können wir in den Bus einsteigen, der fährt allerdings lange nicht los. Im Flughafenbus der völlig irrationale Impuls, zu dem Herren neben mir: "Aus dem Weg, du Schwammerlkopf" zu sagen.  Nach zehn Minuten teilt uns der Fahrer mit, dass wir wieder aussteigen dürfen. Der Flug wurde doch annulliert. Wenigstens weiß ich schon, was man in solchen Fällen machen muss; gleich zum Ticketschalter, Bahnticket holen und zum Hauptbahnhof hüpfen. Die Ankunft in Berlin verschiebt sich damit um 5 Stunden. Ich bitte mein Büro, mir für den Zug einen Platz reservieren zu lassen, bekomme aber nach 15 Minuten die Nachricht, dass man keine Plätze mehr reservieren könne. Der Zug sei dicht.


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Man muss aber zugeben, dass der Stuttgarter Bahnhof interessant aussieht. Da muss ich mir mal ein bisschen mehr Zeit für nehmen. 



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Nach einer dreiviertel Stunde Fahrt wird dann doch ein Sitzplatz frei. Kann man nicht meckern (wie schon letztes Jahr hier geschrieben: Ich rege mich über Reisekatastrophen nicht mehr auf. Bringt ja nichts.) Ich sitze an einem Vierertisch, mir gegenüber ein schwerer Herr mit traurigen Augen (nein, kein Spiegel), der mir immer gegen das Schienbein tritt und mich gelegentlich anhustet. Er lagert seine benutzten Papiertaschentücher auf dem Tisch zwischen uns. Neben ihm ein weiterer schwerer Herr mit Schnurrbart, der eine Schlafbrille und Ohrenstöpsel dabei hat und uns während der Fahrt etwas vorschnarcht. In der S-Bahn vom Hauptbahnhof nach Hause sitzt neben mir ein Asiate mit einem Berlinale-Programm und einer großen Spiegelreflexkamera. Er sieht sich auf seinem Handy sehnsüchtig Facebook-Fotos von jungen Frauen an, schließt die Fotos und öffnet sie dann gleich wieder, immer wieder, immer wieder.

Ich werde mich nicht mehr darüber beklagen, dass die Reisen inzwischen zu langweilig seien. 

Freitag, 17. Februar 2017

Das große Berlin-Quiz!

Spaß für die ganze Familie!


Ist das..
a) Protest gegen die Massenüberwachung?
b) Protest gegen das Elektroaltgerätegesetz?
c) irgendetwas mit Berlinale?
d) das Werk eines Deppen?




Ist das...
a) eine Outdoor-Cocktailkneipe?
b) räumlich sehr eingeschränkter Extremhagel?
c) man hat schon Pferde Eiswürfel kotzen sehen?
d) das Werk eines Deppen?

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Die wahren Berliner Rätsel werden aber nie ergründet:

Bei den Straßenbahnschienen:

- lauernder Echsenmensch


- oder grinsender Totenkopf?



Schreibt eure Lösungen auf eine Postkarte und werft diese euren Nachbarn in den Briefkasten!


Sonntag, 12. Februar 2017

Die grüne Woche

Dieses Jahr sind wir im Januar wieder auf die grüne Woche gegangen, nachdem wir letztes Jahr pausiert hatten. Ein Besuch macht es notwendig, dass man zumindest für einen Tag die traditionelle Alkoholabstinenz, die grundsätzlich von Neujahr bis Ostern dauert, unterbricht. Auf die grüne Woche zu gehen, ohne nachzuprüfen, in welchen anderen Ländern auch Bier gebraut wird, wäre (für mich) eher sinnlos. 

Ich hatte die vage Vorstellung, den Besuch für ein paar Blogbeiträge auszuschlachten; das stieß auf zwei Probleme: Zum einen war der Besuch eher unspektakulär, zum anderen passierte ansonsten genau das gleiche wie die Jahre davor und das steht ja hier schon alles ausführlichst im Blog. (Das größte Problem ist allerdings, dass dieser Blog absolut nicht so funktioniert, dass ich irgendwo hingehen könnte, um Material zu finden. Das Material findet mich. Wenn es denn will.) Wer genaueres über die grüne Woche wissen will, muss also hier, hier, hier und hier nachlesen (nichts für schwache Nerven). Beim Verlinken habe ich übrigens festgestellt, dass ich im Prolog schon ein paar der Geschichten anklingen habe lassen, die dann in dem "Meine ersten Berliner"-Post von neulich aufgetaucht sind.

Interessant fand ich diesmal allerdings die Berliner Halle: Während alle anderen Bundesländer mit irgendeinem Heimatkram ankamen, machten die Berliner irgendeinen Hashtag-Kram mit lauter 70er Disko-Musik dazu. Doof, aber eigentlich ganz nett. 

Wie die letzten Jahre kaufte ich mir am Allgäuer Käsestand auch wieder ein Stück Weißlacker, weil man den in Berlin ansonsten nicht kriegt. Weißlacker ist ein relativ unangenehm riechender, nach Kuhstall schmeckender weißer bröckliger Käse, der furchtbar schmeckt, zum Überbacken der Kässpatzn aber fantastisch ist. 

Die britischen Digestive-Kekse, die ich mir auch gekauft habe, kommen dann nach Ostern dran. 

 

Samstag, 11. Februar 2017

Sorgen

Die Katzen im Haushalt führen zu mancher Umorganisation. Ein Problem habe ich aber noch nicht lösen können.

Mein Tomatenanbau hängt wesentlich davon ab, dass ich die Pflanzen vorziehe, bevor ich sie dann nach draußen in das Gewächshaus stelle. Das habe ich bislang immer im Wohnzimmer gemacht. Mit unseren neuen Hausgenossen hätten die Tomatenpflänzchen dort aber kaum Überlebenschancen.

Ich muss also irgendeinen Platz im Haus finden, der sonnig und katzensicher ist. Bislang fehlt mir dazu die Fantasie. Viel Zeit bleibt mir nicht.

Freitag, 10. Februar 2017

Tätowiervorschlag


(Nein, ich erklär das jetzt nicht. Willkommen im Blog, in dem die Tippfehler und Sicherheitsabfragen interessanter sind als die Posts.)

Bedeutende Dienstreisen (24)

Weiter geht's, weiter geht's, no rest for the wicked. (Dieser Post blieb leider etwas liegen. Erst fand ich das Heidi-Kabel-Bild nicht, dann kam die Blogpause. Als jemand, der ansonsten topaktuellen Content bietet, bitte ich um Entschuldigung.)

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Diesmal soll's nach Hamburg gehen. Mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof, eigentlich keine große Sache. Allerdings bleiben wir mitten auf der Strecke stehen, wegen eines Notarzteinsatzes am Gesundbrunnen. Notarzteinsatz am Gesundbrunnen ist gerade die Hauptentschuldigung für alle Zugverspätungen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr stellt sich gleich am Anfang der Reise die Frage, ob ich überhaupt noch rechtzeitig komme. Da ich aber schon die Rentnerangewohnheit habe, für Fahrten zu Bahnhof und Flughafen absurd viel Zeit einzuplanen, schaffte ich den Zug gerade noch. 

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In der S-Bahn steht neben mir ein Mann mit Getränk, der mit Kopfhörern Musik hört und mitsingt. Insoweit nichts besonderes, nur trinkt der Mann einen Kamillentee und summt leise vor sich Zeilen wie "wenn es bequemer ist..." mit. Keine Ahnung, was für eine Musik das sein könnte, zu der man bei Kamillentee merkwürdige deutsche Zeilen leise mitsummt. Ist das etwa Tocotronic? Ich werde es wohl nie erfahren, da ich mich ja noch nicht einmal getraut habe, den Typen richtig anzusehen, geschweige denn, ihn zu fragen, was er da hört. 

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Die Einfahrt in den Hamburger Hauptbahnhof führt an ein paar absonderlichen Baustellen vorbei. Mir scheint, hier ahmt Hamburg so langsam Berlin nach. Der Gedanke kommt einem erst recht, wenn man feststellt, dass die Hamburger U-Bahn-Stationen eigentlich um einiges verranzter aussehen als die Berliner. Verkehrte Welt.


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In Berlin gibts den Notarzteinsatz, in Hamburg wird eine Fliegerbombe entschärft und der Nahverkehr funktioniert nicht mehr so richtig. Immerhin gibt es hier noch eine gewisse Differenzierung der Hanseaten. 

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Zwischendrin muss ich noch telefonieren. Am Vortag hatte ich eine Behörden-E-Mail bekommen, mit dem letzten Satz, dass vorgeschlagen werde, die Sache für zukünftige Fälle grundsätzlich zu klären. Im Prinzip war der Satz so gemeint, wie früher die Aufforderung, doch vor die Tür zu gehen, um eine Sache zu klären. Mal schauen, ob wir uns prügeln. (Nein, haben wir nicht.)

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Die Sitzung in verschiedener Hinsicht grotesk, aber vom Ergebnis sehr hilfreich. Der Hamburgbesuch war diesmal blogtechnisch nicht sonderlich ergiebig, deswegen zeige ich das bis jetzt unterschlagene Bild von Heidi Kabel, das ich irgendwann letztes Jahr gemacht habe. 

(Leider finde ich das Bild nicht mehr. Das legendäre Heidi-Kabel-Bild wird also noch ein bisschen auf sich warten lassen müssen. Schade, denn es ist legendär.)

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Im Zug nach Hause sitze ich gegenüber einer jungen Frau, die sich die letzte halbe Stunde der Reise ausgiebig schminkt. Wusste gar nicht, dass man da so viel Zeit mit verbringen kann. Ein paar S-Bahnen fallen wieder aus, wegen eines Notarzteinsatzes. Das gibt dem Tag eine gewisse schöne Symmetrie finde ich. Durch die S-Bahn geht ein junger Mann mit Mütze, der entweder über ein Headset mit einem Freund telefoniert oder einfach laut wirres Zeug in den Waggon erzählt. In Berlin sind zwischenzeitlich diese zwei Fälle praktisch nicht mehr zu unterscheiden.

Donnerstag, 9. Februar 2017

Meine ersten Berliner

(Da ich jetzt ohnehin angefangen habe, hier alte Geschichten aufzuschreiben, ist es jetzt auch schon wurscht.)

Bevor ich vor knapp zwanzig Jahren nach Berlin kam, hatte ich von der Stadt keine Ahnung. Die wenigen Berliner, die ich in meiner Jugend kennen lernen konnte, hätten mir aber schon eine deutliche Warnung sein können:

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In der ersten Klasse saß in den ersten Wochen ein Junge bei uns an der Schulbank, den keiner vorher kannte. Seinen Namen habe ich vergessen, aber er kam aus Berlin und teilte das auch gerne und häufig mit. Als sich jeder Tisch ein Symboltier aussuchen durfte, wollte er unbedingt, dass wir einen Bären nehmen, weil der Bär auch das Berliner Symboltier sei. Haben wir natürlich nicht gemacht (aus unserer Sicht wäre ja eine Kuh konsequent gewesen, das haben wir aber auch nicht gemacht). Der Junge war nach ein paar Wochen wieder weg. Niemand wusste, wohin er gegangen war. 

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Im Sommerurlaub im Bayerischen Wald (immer ging es in den Bayerischen Wald, nie nach Italien, wo alle anderen hinfuhren) war auch einmal eine Berliner Familie bei dem Bauernhof, in dem wir wohnten. Sie waren nett. Zwei Dinge blieben uns nachhaltig im Gedächtnis: Zum einen sagten sie "Srette" anstelle von "Zigarette" und zum anderen begrüßten sie ihre faltige Oma in der Frühe gerne mit dem Satz: "Na, Oma, hasse wieder im Korbstuhl geschlafen?"

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Irgendwann tauchte M. auf, der ein Cousin eines etwas einschichtigen Jungen aus dem Ort war. M. war groß, hatte einen Iro, traurige Augen und gewisse Bewegungskoordinationsschwierigkeiten, weil er Pattex schnüffelte. Es ging das Gerücht um, dass er in Berlin einmal jemand erschlagen habe, aber wenn ich darüber nachdenke, ging über sehr viele Leute bei uns das Gerücht um, dass sie jemand erschlagen hätten. Wird schon nicht in allen Fällen gestimmt haben. Sicherheitshalber hielt man aber etwas Abstand. M. hatte sehr seltsame Freunde, selbst für unsere Verhältnisse. Ich kann mich an einen Nachmittag erinnern, an dem wir vor dem Jugendzentrum saßen und Bier tranken, M. war auch dabei. Plötzlich kamen zwei seiner Freunde mit dem Auto und sagten, er müsse einsteigen, sie bräuchten ihn dringend für eine Sache. Stunden später kam M. wieder, grün und blau geschlagen. Erst Jahre später ist mir klar geworden, dass gar keine Dritten, wie er dann erzählte, beteiligt waren, sondern dass seine Freunde ihn abgeholt hatten, um ihn zu verprügeln.

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Genauso plötzlich tauchte irgendwann W.* auf. Er war Anfang der Achtziger Jahre in einem Lastwagen aus Ostberlin geflohen (das hat er zumindest erzählt), da er es im Osten nicht aushielt, "weil da alles Sacksteiger" seien. Häufig hat er mir traurig erzählt, dass er aus dem Osten wegwollte, weil da alles "Sacksteiger der Partei" gewesen seien, im Westen seien aber alle "Sacksteiger des Geldes". Er hat auch gerne über die Marihuana-Versorgung im Osten und Westen philosophiert, ich kann mich aber nicht erinnern, wo er es besser fand, da mich das nicht interessiert hat. W. war einer der ersten Tätowierten bei uns am Ort, natürlich nur so eine selbstgemachte Tätowierung, aber immer noch eine der beeindruckendsten, die ich bislang gesehen habe. In unserem Freibad war das kein schlechtes Aufsehen, wenn ein spindeldürrer Typ auftauchte, der knapp unter seinem Bauchnabel "Kein Trinkwasser" tätowiert hatte (nun gut, das ist etwas übertrieben, irgendwie war er nur bis "Kein Trinkwa" gekommen, aber man wusste ja, was gemeint war.) W.s Hobby war, Rosenkränze aus Dorfkapellen zu klauen. Er war dann irgendwann genauso schnell wieder weg, wie er aufgetaucht war.

*Eigentlich auch M., aber ich will es hier nicht zu verwirrend machen. Die Tattoo-Geschichte wollte ich schon immer mal aufschreiben.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Spuren

Zuhause finde ich noch die Tasse, die als Kind meine Lieblingstasse war. An ihr kann man gut studieren, dass offenbar blaue Farbe besonders spülmaschinenfest ist. Auch wenn das Bild nicht mehr ganz vollständig ist, erkenne ich sofort, was auf der Tasse war. 


(Das ist doch offensichtlich, oder?)

Die Rückseite ist allerdings etwas schwieriger:


(Aber auch nicht unlösbar.

Manches sieht man eben nur, weil man bestimmte Vorkenntnisse hat. Wenn andere Dinge nicht so schnell erkennen, sollte man sich daran erinnern, dass nicht jeder vor vier Jahrzehnten vor der gleichen Tasse saß.

Dienstag, 7. Februar 2017

Steinerne Männer

Seit langem einmal wieder in Augsburg gewesen, mich nicht mehr richtig zurecht gefunden. Einer zumindest war immer noch dort, wo er auch vor zwanzig Jahren war: Der stoinerne Ma.


Zu dieser Skulptur an der Schwedenstiege gibt es die Legende, dass während der Belagerung der Stadt durch die kaiserlichen Truppen im Dreißigjährigen Krieg der Bäcker Hacker mit einem aus Sägemehl gebackenen Brotlaib auf die Stadtmauer stieg und ihn über die Mauer warf, um den Belagerern zu zeigen, dass noch genügend Essen in der Stadt sei. Die Belagerer wurden dadurch so wütend, dass sie ihm einen Arm abschossen (Brecht hat sich wohl von dieser Episode für die Darstellung der Belagerung der Stadt Halle in Mutter Courage inspirieren lassen). 

Die Figur liefert die Einzelheiten für diese Geschichte; die Bäckermütze, der fehlende Arm, der längliche Gegenstand in der verbleibenden Hand (die Eisennase und Schneckenfüße bleiben allerdings unerklärt). Die Statue ist allerdings aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt worden und hat vielleicht ursprünglich etwas ganz anderes dargestellt. Ich stelle mir vor, dass die Geschichte mit ihren Einzelheiten entstanden ist, als die Passanten im 18. Jahrhundert an der zusammengestopselten Statue vorbeigingen und sich fragten, was sie bedeuten könnte. So wurde vielleicht nicht die Statue nach der Legende geschaffen, sondern die Legende der Statue angepasst. 


(Und die beste Illustration Augsburgs findet sich nicht umsonst in diesem Lied der Stoinernen Männer.)

Montag, 6. Februar 2017

Kippt das Allgäu?

(Nicht von der Idylle täuschen lassen).


Auch wenn man aus Berlin kommt, erwartet man nicht, dass der Latte Macchiatto mit XTC serviert wird. 


Früher reichte der Kuhstall, inzwischen braucht man wohl das hier:

   
Was für eine Art von Hotel ist das denn eigentlich?

***

Ich hatte Gelegenheit, mit verschiedenen früheren Bekannten über Ereignisse der Jugendzeit zu sprechen (angeregt von der Diskussion zu diesem Beitrag). Zumindest kann ich sagen, dass meine Schilderungen nicht übertrieben waren. Ich habe eine gewisse Scheu vor diesen Geschichten, weil sie doch arg danach klingen, eine eher langweilige behütete Jugend mit etwas Gangsterromantik zu versehen und verklären. Die Sache ist aber doch etwas komplizierter: Neben dem mehr oder weniger geordneten Alltag gab es eine parallele Wirklichkeit, in der Gewalt und Kleinkriminalität alltäglich war. Man konnte dem nicht entkommen, weil die Protagonisten teilweise die Nachbarn waren und weil man auch durch die Punkszene immer wieder in Berührung mit merkwürdigen Leuten kam. Die bürgerliche Abgeschottetheit, die ansonsten vorherrscht, funktionierte da halt nicht. Man nahm das Ganze mit einer fast schizophrenen Gelassenheit, es gab eben Regeln, die hier, aber nicht dort galten, und man musste aufpassen bei bestimmten Leuten nichts falsches zu machen. Ab und zu geriet man in unschöne Situationen, aber das nahm man halt irgendwie hin. Im Nachhinein ist die damalige Gelassenheit für mich schwer zu verstehen: da passierten schon einige ungeheuerliche Dinge und einige, mit denen man zu tun hatte, leben schon lang nicht mehr. Einige der Leute, mit denen man früher zu tun hatte, würden heute in der Zeitung wohl als jugendliche Intensivtäter auftauchen. War das bloß bei uns im Kaff so schlimm? Ich habe keine Ahnung. Mit meinen Bekannten teile ich auf jeden Fall eine Erfahrung: Nachdem man weitergezogen war, gab man es auf, über diese Dinge zu sprechen, weil von den neuen Freunden keiner auch nur im entferntesten nachvollziehen konnte, was da alles los war. 



(Dorfszene/Gewerbegebiet 1989: v.l.n.r: Nils, Herr A., Sohn, Mobbl, Michali. Was damals passiert ist, wird muss immer unser Geheimnis bleiben. Echt jetzt.)

***

In der Lokalzeitung lese ich (in den Leserbriefen) die Prophezeiung, dass die Trump-Präsidentschaft und das neue Verkehrskonzept der Heimatstadt in den nächsten vier Jahren für ähnliche Aufregung sorgen werden. Nachvollziehbar. In den Politnachrichten lese ich, dass ein Herr Ö. den Kreisvorsitz der AFD aufgegeben habe. Mit mir war auch ein Ö. in der Klasse, das Bild sieht vage bekannt aus. Sein claim to fame war, dass er während der Schulstunden gerne seine Popel der Größe nach auf der Schulbank sortiert hat. Trotzdem war er (auf seine Art) ein netter Kerl, ich würde ihn ungern in solcher Gesellschaft sehen. Die Recherche in der Abizeitung ergibt: Mein Schulkollege hatte einen anderen Vornamen*, muss also sein großer Bruder gewesen sein. Ich fühle mich erleichtert.


Sonntag, 5. Februar 2017

Über das Bloggen

 "Bloggen ist ein Kuchenesswettbewerb, bei dem der erste Preis noch mehr Kuchen ist." (Max Kennerly)

Für mich ist das immer noch die beste, wenn auch frustrierendste Definition des Bloggens. Bloggen erlaubt einem, das Internet vollzuschreiben; die Belohnung dafür ist, dass man weiter das Internet vollschreiben darf. Wenn man ein darüber hinausgehendes Ziel verfolgt, wird man nicht richtig glücklich werden bzw. dann ist das Bloggen nur ein Nebenaspekt einer umfassenderen Vertriebs- oder Missionarstätigkeit, die Interaktionen sind dann nach Vertriebs- oder Missionsmaßstäben zu beurteilen.  Der Blogger darf das, was ihm wichtig erscheint, ins Internet stellen. Er kann dabei so unangenehm und ungerecht sein, wie er nur will. Er hat keinen Anspruch darauf, dass es auch nur irgendjemand liest, abgesehen von den wilden Bots die durch das Netz spazieren. Falls es jemand lesen sollte, hat er keinen Anspruch darauf, dass er verstanden wird. Man kann sogar davon ausgehen, dass er, wenn er gelesen wird, missverstanden wird, egal wieviel Mühe er sich gibt, verständlich zu sein. Die Zuneigung zu bestimmten Blogs folgt oft den gleichen Gesetzen, nach denen man früher manche englische Lieder gut fand: Da man den Text nur in Teilen verstand, wurde er zu einer Projektionsfläche für alles, was einem auf dem Herzen lag. Der Blogger ist Egoist: ihm geht es um ihn selbst, die Blogposts sind Splitter seines Egos. Der Blogleser denkt, es gehe um ihn, und er spiegelt sich in den Splittern. Der Blogger meint, seine Texte seien Botschaften, tatsächlich sind sie aber nur ein Rorschachtest: der Blogger liefert das Material, das den Bloglesern Bilder und Assoziationen beschert. Da den Lesern zu den Texten und ihrem Verfasser fast zwingend der Kontext fehlt, sind Blogtexte hier besonders geeignet, persönliche Assoziationen zu wecken. Die Kenntnis- und Kontextlücken können nach Belieben aufgefüllt werden, der Blogleser fühlt sich beglückt und ganz persönlich angesprochen (lustigerweise geht es den Bloggern, wenn sie dann Blogleser anderer Blogs sind, ebenso). Ein Sonderfall sind wütende Posts; den Blogger mag Wut über eine bestimmte Sache antreiben, bei den Lesern gibt es genügend, die von der Wut angezogen werden wie Haie von Blut im Meer und denen der Anlass gleichgültig ist, solange es nur scheppert. Der Blogger sollte sich auch bewusst sein, dass er bei den Texten, die besonderen Eindruck machen oder die Leser bewegen, wahrscheinlich nur Katalysator war. Manchmal wird er auch Katalysator für Reaktionen, die er weder gewollt, noch beabsichtigt hat. Das, was er schreibt, und das, was andere lesen, ist eben oft sehr weit von einander entfernt. Manchmal wird dann die Diskrepanz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit zu groß und die Leser wenden sich enttäuscht ab. Der Blogger wundert sich, ist er sich doch keiner Änderung bewusst. 

(Ich finde diese zwangsläufigen Missverständnisse nicht schlimm. Meine Veranstaltung hier beruht eigentlich auf ihnen.)

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Der Blogleser darf lesen, was der Blogger schreibt. Er darf sich auf alles einen eigenen Reim machen, die Posts nach seinen persönlichen Vorlieben verstehen und missverstehen, Botschaften hören, die außer ihm niemand hört. Sobald ein Blogger etwas ins Internet stellt, muss er sich halt damit abfinden, dass er die Interpretation aus der Hand gegeben hat. Und möglicherweise versteht ihn ja der Leser besser, als er sich selbst. Der Blogleser hat aber keinen Anspruch darauf, dass der Blogger etwas schreibt. Noch weniger hat er Anspruch darauf, dass der Blogger bestimmte Sachen schreibt. Dies gilt auch, wenn doch "die alten Sachen viel besser waren." Der Blogleser kann dem Blogger seine Liebe entziehen und ihn nicht mehr lesen. Er hat aber keinen Anspruch darauf, dass es den Blogger interessiert, was die Gründe dafür sind, oder dass er sich gar die Kritik zu Herzen nimmt. Der Blogleser kann kommentieren. Ob der Blogger die Kommentare beantwortet oder gar veröffentlicht, bleibt aber ihm überlassen. Wenn Kommentare nicht veröffentlicht werden, ist dies keine Zensur des Bloggers. Der Blogger muss entscheiden, wem er in seinem Wohnzimmer das Wort erteilt. Wer dort nicht erwünscht ist, kann ja einen eigenen Blog aufmachen, um seine Botschaften in die Welt zu bringen.

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Es gibt wohl bestimmte Regeln, welcherlei Botschaften man an eine Toilettenwand schreiben kann; für Blogs gibt es nichts entsprechendes, sie stehen jeder Form und jedem Inhalt offen. Für beides gibt es genügend Muster. Man findet genügend Anleitungen im Internet, welche Gestaltungen den Lesern gefallen. Ich halte das für den falschen Ansatz, ein Blog hat dem Blogger zu nützen und zu gefallen. Wenn er denn zufrieden ist, werden es die Leser wohl auch irgendwann sein. Wer sich streng an fremden Mustern orientiert, arbeitet wie ein Maler, der Malen-nach-Zahlen-Bilder produziert. Warum sollte man seine Zeit für so ein Vorhaben aufwenden? Malen-nach-Zahlen kann allerdings eine gute Methode zur Übung sein, wenn man sich dann später aus den Mustern befreien kann. 

Das bedeutet aber auch, dass sich Inhalt oder Form eines Blogs über die Zeit so ändern werden, wie es auch der Blogger tut. Mancher Blogger muss sich häuten wie eine Schlange und lässt alte Blogs achtlos zurück, um eine neue Haut zu finden. Andere behalten ein Blog und ändern immer wieder den Inhalt und die Ausrichtung. Das Publikum mag das missbilligen, ihm steht aber insoweit kein Urteil zu. Es mag aufhören, den Blog zu lesen (und gegebenenfalls einen empörten Kommentar dazu schreiben, s.o.). Außerdem können wir uns ohnehin immer darauf einigen, dass es im Internet 2010 (2005, 1997) noch viel schöner war.

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Beim Inhalt sollte man sehr sorgfältig darüber nachdenken, was man von sich preisgibt. Damit meine ich nicht einmal so sehr, die Frage, wie viel Privatsphäre man sich reserviert, hier hat jeder wohl instinktiv eine Haltung. Wenn man nicht will, dass die Dinge, die man schreibt, Leuten, die einen kennen, bekannt werden, sollte man sich auf jeden Fall ausgiebig Gedanken darüber machen, wie man die Anonymität schützen kann (Hinweis: Wenn man nicht Profi ist, wird man das nicht schaffen). Spannender ist die Frage, welches Bild man von sich zeichnet.  Gerade am Anfang ist es sehr verführerisch, sein Bild zu schönen, bestimmte Dinge zu überzeichnen, andere nicht zu erwähnen. Wenn man nicht gerade einen Fantasy-Blog hat, bei dem kein Leser erwarten wird, dass der Blogbetreiber tatsächlich eine Elfe oder ein Zauberer ist, sollte man sich das gut überlegen. Im Internet weiß zwar niemand, ob man ein Hund ist, aber warum sollte man bei einer Aktivität, die eine der persönlichsten sein kann, versuchen, anderen ein komplett anderes Ich vorzuspiegeln? (Wenn man sich allerdings bewusst macht, dass sich der Leser ohnehin frei Eigenschaften des Verfassers ergänzt, könnte man auch zur Auffassung kommen, dass es eigentlich wurscht ist.) 

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(Der Text ist eine Sammlung von Gedanken, die teilweise auch schon früher hier standen, gesammelt ohne konkreten Anlass und nur am Rande mit Problemen dieses Blogs verknüpft (durch Inhaltslosigkeit vermeidet man so manches).  Wenn die erste These allerdings stimmte, müssten sich einige Leser aber trotzdem unmittelbar angesprochen fühlen. Keine Sorge: Wenn ich euch etwas mitteilen wollte, nähme ich wie immer ein Baggerbild aus der Invalidenstraße.)

(Gerade als ich das geschrieben habe, erschien bei Kreuzberg Süd-Ost ein in mancher Hinsicht komplementärer Text. Ich habe kurz überlegt, hier auch entsprechend zu ergänzen, aber wozu - dort steht es ja schon schöner.)