Everybody's fucked in his own special way

Montag, 16. Januar 2017

Brauchtumspflege

Am Wochenende seit über dreißig Jahren mal wieder Schafkopf gespielt. In der Schule habe ich damit irgendwann aufgehört, weil mir die Summen, die man dort verlieren konnte, zu groß wurden, und weil ich einfach zu schlecht gespielt habe. In einem Spiel, in dem das finanzielle Wohlergehen der Mitspieler auch von dem eigenen Geschick abhängt, kann das zu gewissen Spannungen führen. 

Das Spiel hat mir aber eigentlich Spaß gemacht, in Berlin gibt es nur nicht allzuviel Gelegenheiten, wo man sich als Schafkopf-Dilettant austoben könnte. Der Familie habe ich zwar Sechsundsechzig und Lupfen beigebracht, was im Urlaub immer ganz nett ist, zum Schafkopfen konnte ich sie noch nicht überreden (vor allem müssten ja auch alle vier mitmachen). Lupfen kann ich als spannendes Familienspiel sehr empfehlen, auch wenn ich da in meiner Jugend viel Geld verloren habe. 

Über einen Kollegen bin ich jetzt zu einer Schafkopfrunde eingeladen worden. Dabei habe ich gelernt, dass man neben dem "langen" Schafkopf mit acht Karten auch "kurze" Runden mit sechs Karten spielen kann (anders als beim Skat sind die Regeln beim Schafkopf sehr regional geprägt; bei gemischten Runden kann das zu ziemlich Ärger führen).  Was sich über die letzten Jahrzehnte nicht geändert hat: Mir ist manchmal erst beim vorletzten Stich klargeworden, mit wem ich eigentlich zusammen spiele. Was sich deutlich geändert hat: Erstaunlicherweise habe ich über die drei Stunden sogar ein paar Cent dazu gewonnen. Allerdings nicht so viel, dass ich meinen Job aufgeben und Berufsspieler werden könnte. 



"I däd mit dr Boller-Sau spiela."

Sonntag, 15. Januar 2017

Auf der Lauer


(Und kurzer Hinweis für die Liebhaber der Stadt: In einer Woche ist wieder Tag der urbanen Schönheit, am 22.1. Wer noch mitmachen will, sei herzlich eingeladen.) 

Freitag, 13. Januar 2017

Bedeutende Dienstreisen (23)

Es geht wieder los mit den Dienstreisen. Wie immer kann ich mich nicht mehr erinnern, warum ich bei der Planung Zug oder Flugzeug bevorzugt habe, wie meistens ist nicht so wirklich klar, warum ich da eigentlich hinfahre, und wie eher selten bin ich diesmal nicht gut vorbereitet. Ein Vorteil des Daseins als altes Zirkuspferd: Man braucht keine große Vorbereitung, wenn der Zirkuswalzer beginnt, fängt man automatisch an zu tanzen. Ob applaudiert wird, ist dann eine andere Frage. 

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Das ganze Jahr begann in sanfter und sedierender Melancholie, die Reise fügt sich hier problemlos ein. Kurz bevor ich los muss, beginnen in Berlin große, wattige Flocken zu fallen, die Fahrt mit dem TXL-Bus dauert deswegen doppelt so lange wie sonst. Mit mäßigem Interesse überlege ich, ob ich den Flug jetzt verpassen könnte. Ich habe irgendwann mal geschrieben, dass ich das normalerweise indifferent sehe, diesmal stelle ich mit Erschrecken fest, dass ich eigentlich ganz gern den Flug verpassen und einfach wieder nach Hause fahren würde. Ich komme aber gerade noch pünktlich, der Flug scheint auch nur leicht verspätet, auch der überlastete Flughafen Tegel kann also mit ein bisschen Schnee fertig werden. 

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Natürlich nicht. Wir dürfen zwar schon ins Flugzeug, aber sitzen dann erstmal eineinhalb Stunden rum, weil es eine Warteschlange für das Enteisen gibt. Vor mir sitzt ein Pärchen mit einem knapp einjährigem Kind, das schon beim Warten zum Plärren beginnt; Ablenkung gibt es für kleine Zwerge im wartenden Flugzeug wenig. Die Armen. Ich höre ein paar Kapitel aus "Der Mann ohne Eigenschaften", der mich wohl das nächste Jahr auf dem Weg zur Arbeit begleiten wird. Die Stelle. "Im Grunde wissen in den Jahren der Lebensmitte wenig Menschen mehr, wie sie eigentlich zu sich selbst gekommen sind, zu ihren Vergnügungen, ihrer Weltanschauung, ihrer Frau, ihrem Charakter, Beruf und ihren Erfolgen, aber sie haben das Gefühl, dass sich nun nicht mehr viel ändern kann. Es ließe sich sogar behaupten, dass sie betrogen worden seien, denn man kann nirgends einen zureichenden Grund dafür entdecken, dass alle gerade so kam, wie es gekommen ist..." Heitert mich jetzt auch nicht auf. 

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Wir werden enteist. Am Tag der Trumpgerüchte geraten die Gedanken beim Zusehen auf Abwege. 


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Während des Fluges schüttelt es das Flugzeug ein paar Mal ziemlich durch. Das macht den Kleinen vor mir auch nicht froher. Mir tun die Eltern leid. Mit zwei Stunden Verspätung kommen wir an, in Frankfurt liegt kein Schnee.

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(Treppen können se ja in Frankfurt.)

Ich suche mir eine Zugverbindung und komme dann um 21.30 in Darmstadt an. Ich werde freundlich begrüßt. Wenn man ein kleines Kind dabei hätte, könnte man den Test machen, mit welchem Gerät es lieber fahren will. Dann weiß man, ob man einen kleinen Magnum oder einen kleinen Fred Feuerstein hat. 



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Ausnahmsweise habe ich keine Lust, die zwei Kilometer zum Hotel zu laufen, sondern suche mir ein Taxi. Das Hotel ist umringt von pseudo-antiken Gipsstatuen, die ein wirklich gräßliches Ensemble geben. Der gut gelaunte Taxifahrer erzählt mir, dass es drinnen genauso schlimm aussehe, auch in den Zimmern, aber "nachts hat man ja die Augen zu".
Wahrscheinlich hätte ich die bronzenen Elefantenstatuen fotografieren sollen. Ich kann hier nur dokumentieren, wie die Zimmerdecke über meinem Bett aussah. 

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Am nächsten Tag Zirkuspferddienst. Alles kein Problem. Ich kann mich an wenige Meetings erinnern, bei denen mehr Leute anwesend waren, mit denen ich mich in den letzten Jahren wirklich ausgiebig gestritten habe, es sind sogar mehrere Leute da, die ich irgendwann mal angebrüllt habe, und das kommt bei mir eigentlich so gut wie nie vor. Trotzdem verstehen wir uns alle prima, den Ärger bekommt heute jemand anders ab. Nach meinem Zirkuswalzer steht noch eine interne Aussprache an. Eigentlich denke ich, dass ich auch intern bin, nachdem mir aber zwei Teilnehmer zum Abschied fest die Hand schütteln, gehe ich dann auch mal.

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Bevor ich dazu komme, mir ein paar Züge für die Rückfahrt herauszusuchen, stellt sich heraus, dass jemand anders ein Taxi zum Flughafen nimmt und mich mitnehmen kann. Der Taxifahrer fragt nach dem Terminal, sie muss zum Terminal 1, ich zum Terminal 2, aber es gibt ja den Shuttle-Bus. Als sie an Terminal 1 aussteigt, sagt der Taxifahrer, dass er sowieso am Terminal 2 vorbeifahren müsste und mich dann auch mitnehmen könne. Er macht das Taxameter aus und fährt mich noch zur Abfahrtshalle. im Englischen gibt es dafür wohl den Ausdruck "Random act of kindness", zufällige Nettigkeiten. Ich mag die Vorstellung, dass die kleinen Gefallen, die man fremden Menschen macht (die Nettigkeit innerhalb der eigenen Gruppe ist ja wieder etwas anderen), infektiös sein könnten, und die so Erfreuten wiederum anderen etwas Nettes tun. Lasst es uns 2017 mal ausprobieren!

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Den Rückflug nutze ich, um einen Brief zu schreiben, den ich aber beinahe im Flugzeug liegen hätte lassen. Ich höre dabei nicht den "Mann ohne Eigenschaften", weil man sich für den so konzentrieren muss, dass man nichts anderes tun kann. Als ich die Musik auf dem Handy so durchsehe, finde ich das kleine Löwenzahn-Lied vom Nervenruh an, das ich mir einmal heruntergeladen habe. Das zarte Schwäbisch weckt in mir seltenes Heimweh. 

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Im Taxi nachhause CCR. Ja, hey tonight.