Everybody's fucked in his own special way

Dienstag, 26. November 2013

Vor fünf Jahren

Frau Ackerbau und ich stehen im Gang unserer Wohnung. Überall sind gepackte und beschriftete Kartons. Frau Ackerbau stopft noch Stofftiere und Kleinspielzeug in blaue Säcke, denn die gelieferten Kartons sind alle schon voll. Die Möbel sind auseinandergenommen, bis auf Kleiderschrank und Bett, die sollen die Möbelpacker ab- und dann gleich wieder aufbauen. Auch die Flurgarderobe steht noch da. Für die ist im neu gebauten Haus nirgendwo Platz, wir hatten sie an eine Wohltätigkeitsorganisation verschenkt, die gebrauchte Möbel billig weiterverkaufte.

Alles ziemlich chaotisch, wir sind auch froh, dass das Haus gerade noch so fertig geworden ist. Der Wasseranschluss hatte erst zwei Tage vorher geklappt, und für eine Weile würden wir auch noch am Baustrom hängen, bis das mit dem  Hausanschluss funktionierte.

Wir warteten auf die Möbelpacker. Wir hatten uns für eine alteingeführte Berliner Firma entschieden, die ein sehr gutes und günstiges Angebot gemacht hatten. Frau Ackerbau hatte extra noch einmal angerufen, ob sich die Leute nicht zumindest die Wohnung ansehen wollten. Der Inhaber war am Telefon und erklärte ziemlich barsch, er sei seit dreißig Jahren im Geschäft, ihm müsse das keiner erklären. Da das Haus nur ein paar hundert Meter von der Wohnung entfernt war, konnte eigentlich nicht so wirklich viel schief gehen. Mit den Nachmietern hatten wir vereinbart, dass wir unser Kellerabteil noch ein paar Monate länger nutzen konnten, da die Garage, die neuer Abstellraum werden sollte, auch erst später kommen sollte.

Die Möbelpacker kamen zur vereinbarten Zeit, erst einmal recht schlecht gelaunt. Dritter Stock ohne Aufzug ist nicht ideal. Das wussten sie ja aber auch schon vorher, deswegen hatten sie einen Aufzug dabei, mit dem man die Kisten durch das Fenster zur Straße transportieren konnte. Die Männer standen in der Wohnung herum, während ihr Kollege den Aufzug in Position brachte. Der Vorarbeiter schaute sich kritisch unsere Fenster an und sah seinem Kollegen von oben zu, während der versuchte, den Aufzug zu rangieren. Der Vorarbeiter sprach uns an. So ginge das nicht. Für den Aufzug sei ja gar nicht genug Platz und unsere Fenster seien auch nicht geeignet. Wir zuckten mit den Schultern. Davon verstand er sicher mehr als wir. Hektisch rief er seinen Chef an und kam wieder zurück: der Umzug könne nicht durchgeführt werden. Nun war es an der Zeit etwas unfreundlich zu werden. Bei den Rahmenbedingungen - wir hatten den halben Preis schon angezahlt, hatten keine Wahl, als den Umzug am gleichen Tag zu machen - war aber schon klar, wohin die Reise ging. Das alteingeführte Umzugsunternehmen erpresste sich auf diese Art noch einmal einen kräftigen Aufschlag auf den ursprünglichen Preis. Wie ich inzwischen erfahren habe, ist das in Berlin eine gängige Masche. Immerhin ging dann der Umzug mit einer Stunde Verspätung los.

Mein Vater und mein Bruder hatten den weiten Weg nach Berlin auf sich genommen und schraubten schon einmal die Lampen ab und installierten sie gleich im Haus und montierten dann auch die Möbel. Ohne diese Unterstützung wäre ich an dem Tag wohl wahnsinnig geworden.

Irgendwann war der erste Lieferwagen bepackt und es ging den kurzen Weg zum Grundstück. Auch hier gab es kleinere Schwierigkeiten: die Straßenzuwegung war noch nicht asphaltiert, das sollte erst in ein paar Wochen geschehen. Jetzt hatte es allerdings die letzten Tage ausgiebig geregnet, so dass das Haus eine Insel im Morast war. Der Fahrer kam nur mit Mühe durch, wir beschlossen, den Lieferwagen an der Terasse parken zu lassen, weil man so am nahesten ans Haus kam. Die Möbelpacker brachten also die Kisten und den Schlamm ins Haus. Die Terrassentür stand dauernd offen und bald war es drinnen nicht mehr wärmer als draußen. Irgendwann war alles verräumt, die Möbelpacker, die ziemlich schuften mussten, bekamen ein schönes Trinkgeld (können ja auch nichts dafür, dass ihr Chef ein Verbrecher ist). Einer nahm mich noch zur Seite und erklärte mir, er sehe ja an den ganzen Büchern, dass ich ein kluger Mensch sei, aber von Umzugsorganisation hätte ich ja keine Ahnung. Er hatte Glück, dass ich zu erschöpft war, mich noch zu streiten.

Mit meinem Bruder ging ich zurück in die alte Wohnung, die Wohltätigkeitsorganisation hatte einen Termin am Abend, um die Flurgarderobe abzuholen. Bei der telefonischen Absprache war der Mitarbeiter einigermaßen misstrauisch, ob ich nicht nur Schrott loswerden wollte. Nein, die Garderobe sei noch praktisch neu, leider nur sehr groß und hoch und deswegen könnten wir sie nicht mitnehmen. Ich wies noch darauf hin, dass man für die Abholung einen Transporter brauchte, weil die Teile eben auch sehr groß seien. Alles kein Problem, die Leute seien dann am Auszugstag um 17 Uhr bei uns. Mein Bruder und ich hatten eine Schreibtischlampe mitgenommen, damit der Gang wenigstens ausgeleuchtet war, die Lampen waren ja schon abgehängt. Pünktlich klingelte es, ich war ziemlich erleichtert, da es ein größeres Problem gewesen wäre, wenn wir dieses Riesenteil nicht losgeworden wären. Die Leute kamen herein und starrten die Garderobe an: Die sei doch viel zu groß. Sie nähmen doch nur Kleinmöbel mit! Ich versuchte zu erklären, dass das ja telefonisch besprochen gewesen sei, aber da war nichts zu wollen. Sie gingen und die Garderobe blieb da.  Nun sollte morgen der Maler kommen. Was tun?

Ich sah meinen Bruder an. Wir holten uns einen Schraubenzieher, zerlegten das Ding und trugen es, auf sechs Gänge verteilt drei Stockwerke die Treppe hinunter, zur Tür hinaus, in den Hinterhof und von dort in unser Kellerabteil, das wir ja noch eine Zeitlang nutzen durften. Ich weiß nicht, was ich ohne meinen Bruder getan hätte. Dann trotteten wir in das neue Haus, in dem auf dem Schlamm verzierten Boden die Umzugskisten standen und tranken ein Bier. Die Jacken konnten wir noch nicht ausziehen: da beim Umzug dauernd die Türen offengestanden hatten, war das Haus komplett ausgekühlt. Frau Ackerbau heizte mit unserem Herd.

Das Schlimmste schien zumindest überstanden, nun konnte man mit dem Einrichten des neuen Hauses beginnen. 

Dachte ich. 



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