Everybody's fucked in his own special way

Dienstag, 7. Januar 2014

War was? (2)

Eine schöne Sache in der Heimat ist es, die Lokalzeitung zu lesen.  Die Delikte aus dem Polizeibericht erscheinen aus Berliner Perspektive fast schon idyllisch (Unbekannter stieg über Drahtzaun, Sachschaden EUR 100; Abgewiesener Disco-Gast beleidigt Türsteher).* Besonders gefreut hat mich ein Bericht über die Silvesterfeier im Nachbarkaff. Da sich dort 1000 Leute vor dem Stadttor versammelten, heißt die Überschrift, na?, richtig: "Jahreswechsel mit Berlin-Feeling". Und im Artikel einer der schönsten Sätze, den man über alle Allgäuer Festivitäten, an denen ich beteiligt war, schreiben hätte können: "Auch als die Anlage aufgrund eines technischen Defekts ausfiel und die Musik verstummte, tat das der Stimmung keinen Abbruch."



*Allerdings ist es so, dass ich in meiner Jugendzeit dort mehr an Unglücken und Verbrechen gesehen habe als in meinen nunmehr 17 Jahren in Berlin. In  meiner Schule hat - vor mehr als drei Jahrzehnten - ein Schüler der Parallelklasse während des Unterrichts (versehentlich) seinen Banknachbarn mit einer Pistole angeschossen. Der Schütze wollte sich dann von einem Turm stürzen und konnte nur von älteren Schülern abgehalten werden (er starb dann einige Jahre später bei einem Motorradunfall). Wenn so etwas jetzt in einer Berliner Schule passieren würde, gäbe es drei Wochen nix anderes in den Talkshows und mindestens eine Gesetzesänderung. Und auch das einzige Mordopfer, das mir persönlich bekannt war, kam aus meiner verschlafenen Heimatstadt. (Habe jetzt ein bisschen Sorge, mit solchen Sätzen Berliner Unheil herbeizureden. Aber ich will mal im neuen Jahr nicht abergläubisch sein).
Nachtrag 10.1.: Hätte ich diese Fußnote mal besser gelassen. In den letzten Tagen wurden in Pankow mehrere Leute im Schloßpark überfallen und jemand etwa einen Kilometer entfernt erschossen. Ich sage nie mehr, dass das Allgäu schlimmer sein könnte. 

Kommentare:

  1. Talkshows, Gesetzesänderungen und nicht vergessen: Menschen-Lichterketten und Besinnungsgottesdienste, sowie Lehrerseminare, Klassenprojekte und parteiübergreifende Informationsveranstaltungen *gegen Gewalt an Schulen*. Außerdem werden die Eltern des Jungen angeklagt wegen unerlaubten Waffenbesitzes und ihnen wird das Erziehungsrecht genommen... ganz zu schweigen von dem riesigen Reporterauflauf in der Gemeinde. Im Fernsehen gibt es mind. 5 Interviews und nach 2 Jahren erscheint ein pädagogisch, psychologisch wertvolles Buch über die grausamen Sitten an bayerischen Landschulen und deren Folgen....
    LG Papierfrau

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    1. Wahrscheinlich lag es daran, dass es kurz vor Einführung der Privatsender war. So gab's nur ein paar Artikel in der Bild-Zeitung. Allerdings bin ich mir alles andere als sicher, dass die damalige fatalistische Umgangsweise so in Ordnung ist. Man ging nach Hause, erzählte den Eltern: "Der W. hat heute den S. angeschossen." und das war's dann schon. Und ob ich noch einmal den Mut habe, über die Sitten an bayerischen Landschulen zu schreiben, weiß ich nicht.....
      Liebe Grüße, Andreas

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